Die Debatte über die Arbeitszeit hat sich in Deutschland angesichts der Krise in der Automobilindustrie, hoher Produktionskosten und wachsender internationaler Konkurrenz erneut verschärft. Teile der Wirtschaft fordern eine Rückkehr zur 40-Stunden-Woche und halten die bisherigen Regelungen für nicht mehr ausreichend, um die Wettbewerbsfähigkeit zu sichern. Schreibt bankrecht-ratgeber mit Bezug auf tagesschau.
Besonders intensiv wird das Thema in großen Automobilkonzernen diskutiert. Die Führung von Mercedes-Benz erwägt offenbar, die Wochenarbeitszeit von 35 auf 40 Stunden zu erhöhen, ohne die Gehälter entsprechend anzupassen. Beschäftigte und die Gewerkschaft IG Metall lehnen diese Pläne ab und haben bereits Protestaktionen organisiert.
Gleichzeitig gibt es in Deutschland Unternehmen, in denen die 40-Stunden-Woche seit Jahrzehnten gilt. Dazu gehört der Waagenhersteller Kern & Sohn im baden-württembergischen Balingen.
Familienunternehmen in Balingen arbeitet seit jeher 40 Stunden
Kern & Sohn produziert Waagen und Gewichte und wird mittlerweile in achter Generation von derselben Familie geführt. Der heutige Geschäftsführer Albert Sauter erklärt, dass in dem Unternehmen seit seiner Gründung eine 40-Stunden-Woche üblich sei.
Das Unternehmen ist nicht an den Flächentarifvertrag der Metall- und Elektroindustrie gebunden. Eine 35-Stunden-Woche wurde dort deshalb nie eingeführt. Für die meisten Beschäftigten beträgt die reguläre Wochenarbeitszeit weiterhin 40 Stunden.
Sauter hält dieses Modell insbesondere in der derzeitigen wirtschaftlichen Lage für sinnvoll. Eine Verkürzung der Arbeitszeit um fünf Stunden würde seiner Ansicht nach dazu führen, dass das Unternehmen zusätzliches Personal einstellen müsste, um das bisherige Produktionsvolumen aufrechtzuerhalten.
Damit wären weitere organisatorische und finanzielle Belastungen verbunden. Schichten und Zuständigkeiten müssten stärker koordiniert, zusätzliche Büroflächen bereitgestellt und mehr Softwarelizenzen angeschafft werden.
Der Unternehmer verweist außerdem darauf, dass sich die Abstimmung innerhalb der Teams bei kürzeren Arbeitszeiten verkomplizieren würde. Das Unternehmen müsste genauer planen, wann welche Beschäftigten anwesend sind und wie laufende Aufgaben übergeben werden.
Unternehmer verweist auf internationale Wettbewerber
Albert Sauter ist überzeugt, dass Deutschland es sich unter den aktuellen Bedingungen nicht leisten könne, dauerhaft weniger als 40 Stunden pro Woche zu arbeiten. Viele internationale Konkurrenten hätten längere Arbeitszeiten und dadurch niedrigere Stückkosten.
Als Beispiel nennt er Indien, wo ein Teil der Großserienproduktion seines Unternehmens stattfindet. Dort sei eine 45-Stunden-Woche üblich.
Sauter erinnert zudem daran, dass Arbeit oder Unterricht am Samstag früher auch in Deutschland keine Seltenheit gewesen seien. Er selbst habe als Kind noch samstags die Grundschule besucht.
Aus seiner Sicht wäre eine Verlängerung der Arbeitszeit deshalb auch heute in der deutschen Industrie grundsätzlich möglich. Er verbindet damit die Erwartung, Produktionskosten zu senken und dem Wettbewerbsdruck aus Asien und anderen Regionen besser standhalten zu können.
35-Stunden-Woche kann bei der Personalsuche entscheidend sein
Da Kern & Sohn nicht tarifgebunden ist, werden die Arbeitsbedingungen direkt mit dem Betriebsrat ausgehandelt. Dessen Vertreter bewerten das Betriebsklima und das Verhältnis zur Unternehmensleitung grundsätzlich positiv.
Die Dauer der Arbeitswoche ist dennoch regelmäßig Gegenstand interner Gespräche. Betriebsratsmitglied Stefan Rotmund ist der Ansicht, dass eine kürzere Arbeitszeit nicht nur den Beschäftigten, sondern auch dem Unternehmen Vorteile bringen könnte.
In der Umgebung von Balingen gibt es Arbeitgeber, die eine 35-Stunden-Woche anbieten. Diese Unternehmen könnten bei der Suche nach qualifizierten Fachkräften attraktiver erscheinen.
Nach Rotmunds Einschätzung wäre es für Kern & Sohn leichter, neue Beschäftigte zu gewinnen, wenn ebenfalls eine kürzere Wochenarbeitszeit angeboten würde. Bewerber achteten bei der Wahl eines Arbeitsplatzes nicht nur auf das Gehalt, sondern zunehmend auch auf die Arbeitszeit.
Rotmund selbst arbeitet nach eigenen Angaben aus anderen Gründen gern in dem Unternehmen. Er nennt die Stabilität, das Arbeitsklima und den direkten Austausch mit der Geschäftsführung. Bei der Gewinnung neuer Mitarbeiter könne der Unterschied zwischen 35 und 40 Stunden dennoch eine wichtige Rolle spielen.
Höhere Gehälter und Zusatzleistungen sollen längere Arbeitszeit ausgleichen
Kern & Sohn versucht, Beschäftigte mit zusätzlichen Angeboten zu halten und neue Fachkräfte zu gewinnen. Das Unternehmen bezuschusst unter anderem Mitgliedschaften in Fitnessstudios.
Auch die Gehälter liegen nach Angaben der Unternehmensführung etwas über dem branchenüblichen Niveau. Damit soll die längere Arbeitszeit gegenüber tarifgebundenen Betrieben teilweise kompensiert werden.
Darüber hinaus können Mitarbeiter in bestimmten Lebenssituationen individuelle Arbeitszeitmodelle vereinbaren. Das gilt etwa für Beschäftigte kurz vor dem Renteneintritt oder für Menschen, die Angehörige pflegen.
Sauter erklärt, dass solche Fälle im persönlichen Gespräch geregelt werden könnten. Für den Großteil der Belegschaft bleibe die 40-Stunden-Woche jedoch der allgemeine Standard.
Mercedes-Benz plant längere Arbeitszeit ohne Lohnausgleich
Deutlich schärfer verläuft die Auseinandersetzung bei Mercedes-Benz. Beschäftigte an mehreren Standorten haben gegen das Sparprogramm des Konzerns protestiert.
Zu den umstrittensten Punkten gehört die mögliche Rückkehr zur 40-Stunden-Woche. Derzeit arbeiten viele Beschäftigte auf Grundlage tariflicher Vereinbarungen 35 Stunden pro Woche.
Der entscheidende Unterschied zum Modell von Kern & Sohn liegt in der Bezahlung. Nach den Vorstellungen der Mercedes-Führung sollen die Beschäftigten fünf Stunden mehr arbeiten, ohne dafür ein höheres Gehalt zu erhalten.
Damit würde sich die Arbeitszeit erhöhen, während der monatliche Lohn unverändert bliebe. Die IG Metall weist diesen Vorschlag entschieden zurück.
Die Gewerkschaft argumentiert, dass die schwierige Lage des Konzerns nicht durch eine zu geringe Arbeitszeit der Beschäftigten entstanden sei. Vielmehr seien strategische und wirtschaftliche Fehlentscheidungen der Unternehmensführung mitverantwortlich.
Die Arbeitnehmer dürften nicht gezwungen werden, die Folgen dieser Entscheidungen durch unbezahlte Mehrarbeit auszugleichen.
IG Metall fordert Investitionen statt zusätzlicher Stunden
Nach Auffassung der IG Metall sollte Mercedes-Benz stärker in zukunftsfähige Technologien, neue Fahrzeugmodelle und moderne Produktionsstrukturen investieren. Solche Maßnahmen seien entscheidender für die langfristige Wettbewerbsfähigkeit als eine pauschale Verlängerung der Arbeitszeit.
Zudem bezweifelt die Gewerkschaft, dass es in den derzeit schwach ausgelasteten Werken überhaupt genügend Arbeit für eine 40-Stunden-Woche gibt. Angesichts rückläufiger Nachfrage und gekürzter Produktionsprogramme würde eine längere Anwesenheit nicht automatisch zu einer höheren Auslastung führen.
Die 35-Stunden-Woche gilt als eine der wichtigsten tarifpolitischen Errungenschaften der IG Metall. Die Gewerkschaft setzte sie nach langen Arbeitskämpfen in den 1980er-Jahren schrittweise durch.
In der Metall- und Elektroindustrie der westdeutschen Bundesländer gilt sie seit 1995. In vielen ostdeutschen Tarifgebieten beträgt die reguläre Wochenarbeitszeit dagegen weiterhin rund 38 Stunden.
Bei Aumovio wurde bereits ein Kompromiss erzielt
Trotz ihrer harten Haltung im Konflikt mit Mercedes-Benz schließt die IG Metall eine vorübergehende Verlängerung der Arbeitszeit unter bestimmten Bedingungen nicht grundsätzlich aus.
Ein entsprechender Kompromiss wurde beim Automobilzulieferer Aumovio in Villingen-Schwenningen vereinbart. Dort wurde die reguläre Wochenarbeitszeit zum 1. Juli von 35 auf 38 Stunden erhöht.
Auch diese drei zusätzlichen Stunden werden nicht gesondert vergütet. Die Gewerkschaft bezeichnet die Regelung jedoch ausdrücklich als Ausnahme.
Nach Angaben der IG Metall war die Vereinbarung notwendig, um einen Abbau von Arbeitsplätzen zu verhindern. Gleichzeitig geht die Arbeitnehmervertretung davon aus, dass das Arbeitsvolumen in naher Zukunft wieder steigen wird.
Die erwartete bessere Auslastung war eine zentrale Voraussetzung für den Kompromiss. Die Gewerkschaft betont, dass diese Lösung nicht automatisch auf andere Unternehmen übertragen werden dürfe.
Jeder Fall müsse unter Berücksichtigung der Auftragslage, der wirtschaftlichen Situation und verbindlicher Beschäftigungsgarantien geprüft werden.
Krise bei Volkswagen verstärkt die Arbeitszeitdebatte
Befürworter längerer Arbeitszeiten verweisen auch auf die angespannte Lage bei Volkswagen. Der Konzern prüft Werksschließungen und weitere Einsparungen.
Zur Diskussion steht offenbar die Zukunft mehrerer Produktionsstandorte. Für Regionen, die stark von der Automobilindustrie abhängig sind, könnten Werksschließungen den Verlust Tausender Arbeitsplätze bedeuten.
Albert Sauter befürchtet, dass sich ähnliche Probleme bald auch bei Mercedes-Benz verschärfen könnten. Aus seiner Sicht sollte die 40-Stunden-Woche deshalb nicht nur eine befristete Krisenmaßnahme bleiben, sondern wieder zum Regelfall in der deutschen Industrie werden.
Gleichzeitig räumt er ein, dass längere Arbeitszeiten allein keine Garantie für den Erhalt von Standorten und Arbeitsplätzen bieten. Sie müssten Teil eines umfassenderen Programms zur Kostensenkung und Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit sein.
Unternehmer schlägt weniger Feiertage vor
Als weitere Maßnahme bringt Sauter eine Verringerung der Zahl gesetzlicher Feiertage ins Gespräch. Einzelne Feiertage könnten seiner Ansicht nach gestrichen werden, um die jährliche Arbeitszeit zu erhöhen.
Sein Vorschlag bezieht sich nicht nur auf die Automobilindustrie, sondern auf die gesamte deutsche Wirtschaft. Er begründet ihn mit hohen Produktionskosten und der Gefahr, dass Unternehmen weitere Aktivitäten ins Ausland verlagern.
Von den Gewerkschaften werden solche Forderungen bislang nicht unterstützt. Sie argumentieren, dass die Wettbewerbsfähigkeit nicht allein durch höhere Belastungen für die Beschäftigten wiederhergestellt werden dürfe.
Die Debatte über die 35- oder 40-Stunden-Woche dürfte angesichts sinkender Produktionszahlen, schwacher Nachfrage und umfangreicher Sparprogramme in der Industrie weitergehen. Konkrete Entscheidungen hängen von den Verhandlungen zwischen Unternehmen, Betriebsräten und Gewerkschaften ab.
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