Es sollte eine nüchterne Anhörung zur Aufarbeitung eines der dunkelsten Kapitel der jüngeren US-Kriminalgeschichte werden. Doch was sich gestern im Justizausschuss des Repräsentantenhauses abspielte, glich eher einem politischen Gladiatorenkampf als einer parlamentarischen Kontrolle. US-Generalstaatsanwältin Pam Bondi stellte sich den Fragen zu den Jeffrey-Epstein-Akten – und entfachte einen politischen Flächenbrand, der tief blicken lässt.
Washington D.C. ist an politische Theaterdonner gewöhnt, doch die gestrige Sitzung des Justizausschusses dürfte als einer der aggressivsten Schlagabtausche in die Annalen eingehen. Im Zentrum des Sturms: Pam Bondi, die oberste Justizbeamtin der Vereinigten Staaten, und Millionen von Dokumentenseiten, die das Netzwerk des Sexualstraftäters Jeffrey Epstein dokumentieren. Dabei ging es nicht nur um die Taten der Vergangenheit, sondern um den hochsensiblen Umgang mit Datenschutz und Opferschutz in der Gegenwart. Wer sich mit der rechtlichen Komplexität von Persönlichkeitsrechten und Verfahrensfehlern beschäftigt, weiß, dass hier Nuancen entscheiden – Themen, die auch auf Fachportalen wie Bankrecht-Ratgeber.de regelmäßig im Kontext juristischer Sorgfaltspflichten beleuchtet werden. Doch im Capitol Hill gab es gestern keinen Raum für Nuancen, nur für Konfrontation.
Ein Ausschuss am Rande des Nervenzusammenbruchs
Wie BBC News aktuell berichtet, dauerte die Befragung vier Stunden, die von persönlichen Beleidigungen, lautstarken Unterbrechungen und sogar dem demonstrativen Auszug eines Abgeordneten geprägt waren. Die Atmosphäre war von Beginn an vergiftet. Bondi, bekannt für ihren kämpferischen Stil, wich keinen Millimeter zurück.
Der absolute Tiefpunkt der parlamentarischen Debattenkultur wurde erreicht, als die Justizministerin einen demokratischen Abgeordneten mitten im Wortgefecht als „washed-up loser“ (abgehalfterten Verlierer) bezeichnete. Ein Vokabular, das in einer Anhörung unter Eid höchst ungewöhnlich ist und die extreme Polarisierung zwischen dem Justizministerium und der Opposition verdeutlicht.
Die Tragödie der Opfer: Zwischen Bürokratie und Bloßstellung
Das emotionalste und zugleich juristisch heikelste Thema war der Umgang mit den Opfern von Jeffrey Epstein. Mehrere Überlebende des Missbrauchsrings saßen direkt hinter Bondi im Saal. Ihre Anwesenheit verlieh der technischen Debatte über Aktenschwärzungen eine beklemmende menschliche Dringlichkeit.
In ihrem Eingangsstatement versuchte Bondi, den richtigen Ton zu treffen. Sie nannte Epstein ein „Monster“ und entschuldigte sich direkt bei den anwesenden Frauen für das Leid, das sie ertragen mussten. Doch diese Geste wurde schnell von der harten Realität der Aktenveröffentlichung überschattet.
Die demokratische Abgeordnete Pramila Jayapal konfrontierte Bondi mit schweren Vorwürfen. Das Justizministerium habe bei der Veröffentlichung der Millionen Dokumente versagt, die Identität der Opfer zu schützen.
- Nacktbilder veröffentlicht: Jayapal führte an, dass in einigen Fällen Nacktbilder von Überlebenden ungeschwärzt an die Öffentlichkeit gelangten – Frauen, deren Identität über Jahrzehnte geschützt war.
- Der Moment der Stille: Als Jayapal die anwesenden Opfer bat, aufzustehen, wenn sie bisher keine Möglichkeit hatten, sich mit dem Justizministerium zu treffen, erhoben sich alle Frauen im Saal. Ein visuelles Urteil, das schwerer wog als viele Worte.
Bondis Reaktion auf diese Vorwürfe war bezeichnend für den aggressiven Ton der Anhörung. Anstatt Defizite einzuräumen, ging sie zum Gegenangriff über. Sie bezeichnete Jayapals Befragung als bloße „Theatralik“ und weigerte sich, auf die Forderung nach einer Entschuldigung für die Redaktionsfehler einzugehen. „Ich werde mich nicht mit dieser Frau in die Gosse begeben“, feuerte Bondi zurück.
Sachlich argumentierte die Ministerin, dass ihre Behörde unter dem enormen Zeitdruck der Gesetzgebung gearbeitet habe. Millionen von Seiten mussten in kürzester Zeit gesichtet werden. Fehler, bei denen Namen „versehentlich“ veröffentlicht wurden, seien nach Bekanntwerden „sofort geschwärzt“ worden. Für die betroffenen Frauen, deren intimste Momente nun im Netz kursieren könnten, dürfte dies jedoch ein schwacher Trost sein.
Ghislaine Maxwell: Luxusknast statt Hochsicherheit?
Ein weiterer Brennpunkt war der Verbleib von Epsteins Komplizin Ghislaine Maxwell. Es wurde bekannt, dass Maxwell nach einem Treffen mit dem stellvertretenden Generalstaatsanwalt Todd Blanche von einem Gefängnis mit niedriger Sicherheitsstufe in Florida in ein „Minimum Security“-Lager in Texas verlegt wurde.
Die Demokratin Deborah Ross forderte vehement, Maxwell müsse „so schnell wie möglich“ in ein Hochsicherheitsgefängnis zurückverlegt werden. Bondis Verteidigungslinie war hier klassisch bürokratisch: Zuständig sei das Bureau of Prisons (BOP), sie habe von der Verlegung erst im Nachhinein erfahren. Doch sie fügte einen Satz hinzu, der ihre persönliche Haltung unterstreichen sollte: Maxwell werde „hoffentlich im Gefängnis sterben“.
Die Diskrepanz zwischen dieser harten Rhetorik und der tatsächlichen Erleichterung der Haftbedingungen für eine der bekanntesten Straftäterinnen der Welt, ließ viele Fragen offen. Marina Lacerda, eine Überlebende, die der BBC ein Interview gab, warf Bondi und ihrem Ministerium vor, die Opfer nicht nur zu ignorieren, sondern sie durch Einschüchterung zum Schweigen bringen zu wollen.
Die seltsame Allianz: Republikaner und Demokraten vereint in Kritik
Es ist selten in Washington, dass sich Republikaner und Demokraten einig sind. Doch beim Thema der „Redactions“ (Schwärzungen) in den Epstein-Akten geschah genau das. Ein parteiübergreifendes Bündnis warf dem Justizministerium vor, Namen unzulässig zu entfernen – allerdings aus unterschiedlichen Motiven.
Während die Demokraten den Fokus auf den Opferschutz legten, konzentrierte sich der Republikaner Thomas Massie auf den Schutz der Täter und Eliten. Er äußerte den Verdacht, dass das Ministerium Namen von mächtigen Persönlichkeiten schwärzte, die keinen rechtlichen Anspruch auf Anonymität hätten.
- Der Fall Les Wexner: Massie nannte explizit den Milliardär Les Wexner, einen ehemaligen Klienten Epsteins. Warum war sein Name in den ersten Versionen geschwärzt? Wexner behauptet, selbst Opfer von Epsteins Finanzbetrug zu sein, doch Massie witterte Vertuschung.
- „Größer als Watergate“: Massie scheute keine Superlative und bezeichnete die Vorgänge als Skandal, der mehrere US-Regierungen umfasse. Bondis Antwort darauf war knapp und abweisend: Die ganze Diskussion sei ein „politischer Witz“.
Diese Passage der Anhörung offenbart das tiefe Misstrauen, das selbst innerhalb der eigenen politischen Lager gegenüber dem Justizapparat herrscht. Die Vermutung, dass eine „Zwei-Klassen-Justiz“ die Reichen und Mächtigen schützt, wurde durch Bondis Antworten nicht entkräftet.
Prinz Andrew und das Foto ohne Kontext
Natürlich durfte auch der Name Mountbatten-Windsor nicht fehlen. Der kalifornische Demokrat Ted Lieu nutzte seine Redezeit, um den Druck auf Prinz Andrew zu erhöhen. Er ließ ein Bild aus den Epstein-Akten auf den Bildschirmen im Saal einblenden. Das Foto zeigt den britischen Royal in einer kompromittierenden, wenn auch strafrechtlich nicht eindeutigen Pose.
Lieu stellte die simple Frage: Warum wurden diese Bilder nicht genutzt, um Andrew strafrechtlich zu verfolgen? Hier zeigte sich Bondi politisch geschickt. Sie spielte den Ball zurück an die vorherige Administration. Warum Lieu diese Fragen nicht dem damaligen Generalstaatsanwalt Merrick Garland gestellt habe? In einem seltenen Moment der Einigkeit stimmte Lieu zu: Garland habe hier „den Ball fallen lassen“. Es war ein kurzer Waffenstillstand, um gemeinsam auf einen abwesenden Dritten einzuschlagen.
Minneapolis: Der Schatten der Einwanderungspolitik
Obwohl die Epstein-Akten im Mittelpunkt standen, nutzte das Komitee die Gelegenheit, auch andere Aspekte von Bondis Amtsführung zu beleuchten. Besonders die Ereignisse in Minneapolis sorgten für Zündstoff. Dort waren zwei Menschen bei Konfrontationen mit föderalen Einwanderungsagenten tödlich getroffen worden – Vorfälle, die landesweite Proteste auslösten.
Steve Cohen, Demokrat aus Tennessee, bezeichnete die Schüsse als „Hinrichtungen“, die vom Justizministerium nicht untersucht worden seien. Bondis Replik war eine Verteidigung der harten Linie der Trump-Administration. Sie drehte den Spieß um und beschuldigte lokale gewählte Beamte in Minnesota, zum Widerstand gegen Bundesbehörden aufgestachelt zu haben. Diese hätten sich selbst „im Krieg“ mit der Regierung erklärt.
Hier sprang ihr der Ausschussvorsitzende Jim Jordan zur Seite, der Bondis kompromisslose Umsetzung der Einwanderungsgesetze lobte. Dieser Teil der Anhörung machte deutlich, dass unter der Oberfläche der Epstein-Debatte der eigentliche Kulturkampf um Migration und staatliche Gewalt weiter tobt.
Ein Justizministerium im Belagerungszustand
Die vierstündige Sitzung hinterlässt das Bild einer US-Justiz, die nicht mehr als neutraler Schiedsrichter, sondern als bewaffneter Akteur im politischen Grabenkampf wahrgenommen wird. Pam Bondis Auftritt war weniger der einer obersten Aufklärerin, als vielmehr der einer Verteidigerin im Belagerungszustand.
Dass Opfer sexueller Gewalt dabei zwischen die Fronten von „Theatralik“-Vorwürfen und bürokratischen Fehlern geraten, ist die eigentliche Tragödie dieses Tages. Die Epstein-Akten sollten Licht ins Dunkel bringen; stattdessen haben sie das Feuer der politischen Polarisierung in Washington weiter angefacht. Für die Betroffenen, die seit Jahrzehnten auf Gerechtigkeit warten, bleibt die bittere Erkenntnis, dass ihre Geschichten auch 2026 noch als Munition für politische Schlammschlachten dienen.

