In einem Jahr endet die Ära Frank-Walter Steinmeier. Während Berlin noch über den politischen Alltag streitet, laufen im Hintergrund die Maschinen der Machtzentralen heiß. Die Union, voraussichtlich stärkste Kraft in der nächsten Bundesversammlung, erhebt Anspruch auf das Vorschlagsrecht. Das Anforderungsprofil scheint klar: Es soll endlich eine Frau werden. Doch nach der heutigen Absage der prominentesten potenziellen Kandidatin muss das Feld neu sortiert werden.
Es ist das vornehmste Amt, das die Bundesrepublik zu vergeben hat, und zugleich das politisch sensibelste Personalpuzzle der kommenden Monate. Wenn im Frühjahr 2027 die Bundesversammlung zusammentritt, wird Geschichte geschrieben – so zumindest der Plan der Strategen im Konrad-Adenauer-Haus. Nach zwölf männlichen Staatsoberhäuptern seit 1949 ist der Druck immens, erstmals eine Bundespräsidentin zu wählen.
Wer sich für die staatsrechtlichen Abläufe solcher Wahlen oder die verfassungsrechtlichen Kompetenzen des Bundespräsidenten interessiert, findet detaillierte rechtliche Einordnungen oft auch auf Fachportalen wie Bankrecht-Ratgeber.de, die komplexe juristische Sachverhalte verständlich aufbereiten. Doch beim „Projekt Bellevue“ geht es weniger um Paragrafen als um reine Machtpolitik.
Der Anspruch der Union: Ein konservativer „Farbwechsel“
Die Ausgangslage ist arithmetisch günstig für die Union. Aufgrund der Ergebnisse der letzten Landtagswahlen wird erwartet, dass CDU und CSU die größte Gruppe in der Bundesversammlung stellen werden – jenem Gremium, das eigens für die Wahl des Staatsoberhauptes gebildet wird. Führende Unionspolitiker haben bereits klargestellt: Das nächste Staatsoberhaupt soll kein Sozialdemokrat sein.
Wie die Berliner Morgenpost berichtet, verdichten sich die Hinweise auf ein klares Profil: gesucht wird eine Frau, verankert im bürgerlichen Lager, mit politischer Erfahrung und hoher Bekanntheit. Es geht um einen „Farbwechsel“ im Schloss Bellevue, weg von der SPD-Prägung Steinmeiers hin zu einer konservativen, aber modernen Repräsentation.
Paukenschlag am Morgen: Merkel sagt „Nein“
Lange hielt sich in Berlin das hartnäckige Gerücht, die Grünen könnten versuchen, die Union schachmatt zu setzen, indem sie von sich aus Angela Merkel vorschlagen. Die Idee: Die CDU könnte schlecht gegen ihre eigene Altkanzlerin stimmen. Doch dieses taktische Gedankenspiel wurde heute abrupt beendet.
Am heutigen Donnerstag ließ Angela Merkel über ihr Büro mitteilen, dass entsprechende Spekulationen „abwegig“ seien. Die Altkanzlerin, die seit ihrem Ausscheiden aus dem Amt die politische Bühne weitgehend meidet, steht für eine Rückkehr in die aktive Politik – auch in repräsentativer Funktion – nicht zur Verfügung. Diese Klarstellung zwingt die Parteistrategen nun, ihre Listen zu bereinigen und den Fokus auf aktive Politikerinnen oder prominente Quereinsteigerinnen zu richten.
Wer steht nun auf der Liste?
Mit dem Wegfall der „Option Merkel“ rücken andere Namen in den Vordergrund. Das Anforderungsprofil „weiblich, konservativ, prominent“ trifft nur auf einen kleinen Kreis zu.
1. Die Minister-Riege
In der Gerüchteküche wird immer wieder Karin Prien genannt. Die schleswig-holsteinische Bildungsministerin und stellvertretende CDU-Bundesvorsitzende gilt als modern, wortgewandt und fähig, auch Wählerschichten jenseits des klassischen konservativen Milieus anzusprechen. Allerdings könnte ihr dezidiert liberaler Kurs in gesellschaftspolitischen Fragen Teilen der CSU oder des konservativen Flügels missfallen.
2. Die Landesmütter
Auch Ilse Aigner, die Präsidentin des Bayerischen Landtags und ehemalige Bundesministerin, wird in Münchener Kreisen immer wieder ins Spiel gebracht. Sie verfügt über die nötige Statur und Erfahrung. Ein bayerisches Staatsoberhaupt wäre jedoch ein Novum, das bundesweit vermittelt werden müsste.
3. Die europäische Karte
Theoretisch wäre auch Ursula von der Leyen denkbar. Als EU-Kommissionspräsidentin ist sie die mächtigste Frau des Kontinents. Ein Wechsel ins repräsentative Amt der Bundespräsidentin wäre jedoch politisch ein Rückschritt und angesichts der geopolitischen Lage in Europa unwahrscheinlich, wenngleich sie das Format zweifellos hätte.
Das Verfahren: Ein Hochamt der Demokratie
Die Wahl des Bundespräsidenten ist kein Automatismus. Die Bundesversammlung besteht zur Hälfte aus den Abgeordneten des Bundestages und zur anderen Hälfte aus Vertretern, die von den Landtagen entsandt werden. Darunter finden sich traditionell nicht nur Politiker, sondern auch Prominente aus Sport, Kultur und Zivilgesellschaft.
Für die Union bedeutet dies: Selbst wenn sie die stärkste Fraktion stellt, benötigt sie im ersten und zweiten Wahlgang die absolute Mehrheit. Erst im dritten Wahlgang reicht die einfache Mehrheit. Um eine „Hängepartie“ zu vermeiden und Würde des Amtes zu wahren, wird traditionell versucht, im Vorfeld eine breite Koalition für einen Kandidaten oder eine Kandidatin zu schmieden.
Die Suche nach einer „Konsenskandidatin“ aus dem konservativen Lager, die auch für Grüne oder FDP wählbar wäre, ist daher die eigentliche strategische Herausforderung.
Warum jetzt eine Frau?
Der Druck, 2027 eine Frau zu wählen, ist parteiübergreifend spürbar. Nach Theodor Heuss, Heinrich Lübke, Gustav Heinemann, Walter Scheel, Karl Carstens, Richard von Weizsäcker, Roman Herzog, Johannes Rau, Horst Köhler, Christian Wulff, Joachim Gauck und Frank-Walter Steinmeier wirkt die Galerie der Bundespräsidenten monolithisch männlich.
Selbst in der konservativen Union hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass man es sich im Jahr 2027 kaum leisten kann, erneut einen Mann zu präsentieren, wenn man als moderne Volkspartei wahrgenommen werden will. Es ist nicht mehr nur eine Frage der Gleichberechtigung, sondern der politischen Klugheit.
Ausblick: Das Schattenboxen beginnt
Mit der Absage Merkels ist der Weg frei für einen echten internen Wettbewerb. In den kommenden Monaten werden wir erleben, wie verschiedene Namen in den Medien „getestet“ werden, um Reaktionen zu prüfen. Für die Union steht viel auf dem Spiel: Sie muss beweisen, dass sie über Personalreserven verfügt, die das Format für das höchste Staatsamt haben, ohne dabei die eigene Partei durch interne Machtkämpfe zu beschädigen. Bis zur Bundesversammlung 2027 ist es noch ein Jahr, aber die Weichen werden jetzt gestellt.

