Von unserer Gesundheitsredaktion
Wiesbaden – Es ist eine Nachricht, auf die viele Hessen gehofft haben: Die Kurve der Grippeinfektionen, die seit Wochen steil nach oben zeigte, scheint sich im Januar 2026 endlich abzuflachen. Doch die Freude in den Gesundheitsämtern und Arztpraxen ist verhalten. Während sich die Wartezimmer langsam leeren, warnen Experten eindringlich davor, den Sieg über die Viren zu früh zu verkünden. Wer sich neben Gesundheitsthemen auch für die finanzielle Absicherung im Krankheitsfall interessiert, findet auf unserer Hauptseite weiterführende Informationen, doch heute blicken wir auf die virologische Lage zwischen Kassel und Darmstadt.
Die aktuelle Situation gleicht der Ruhe vor einem möglichen Sturm. Die entscheidende Frage lautet: War das der Höhepunkt der Saison 2025/2026, oder holt die Influenza nur Luft für einen zweiten Schlag?
Die Zahlen im Januar 2026: Ein Hoffnungsschimmer?
Nach einem stürmischen Start in das neue Jahr zeigen die Meldedaten des Robert Koch-Instituts (RKI) und der hessischen Behörden eine leichte Entspannung. Die Zahl der bestätigten Influenza-Fälle ist in der dritten Kalenderwoche 2026 erstmals seit Dezember nicht weiter angestiegen, in einigen Landkreisen ist sie sogar leicht rückläufig.
Wie n-tv aktuell berichtet, könnte dieser Trend jedoch trügerisch sein. Experten weisen darauf hin, dass Meldeverzögerungen und das Ende der Weihnachtsferien die Statistik verzerren könnten. Zudem bedeutet ein Plateau auf hohem Niveau noch lange keine Entwarnung für die Krankenhäuser, die weiterhin am Limit arbeiten.
Der „Fastnachts-Faktor“: Ein Fest für die Viren
Ein Blick in den Kalender bereitet den Epidemiologen die größten Sorgen. Wir stehen unmittelbar vor der Hochphase der Fastnacht 2026. Hessen, als eine der Hochburgen des närrischen Treibens, bereitet sich auf volle Sitzungssäle und Straßenumzüge vor. Was für die Seele gut ist, ist für die Virenverbreitung ein gefundenes Fressen.
Die Kombination aus engem Körperkontakt, Singen, Tanzen und Alkoholkonsum – der das Immunsystem kurzzeitig schwächt – schafft ideale Bedingungen für sogenannte „Superspreader-Events“. Historische Daten zeigen, dass Grippewellen oft genau nach den tollen Tagen noch einmal massiv an Fahrt aufnehmen. Die Befürchtung: Das aktuelle Abflachen könnte nur die Talsohle vor dem eigentlichen Peak im Februar sein.
Influenza B: Die zweite Welle lauert
Virologisch betrachtet ist die Saison 2025/2026 bisher stark von Influenza-A-Viren geprägt. Diese sorgen oft für heftige Krankheitsverläufe, sind aber meist die „Vorhut“. Die Gefahr, die nun im Raum steht, heißt Influenza B.
Es ist ein bekanntes Muster: Wenn die A-Welle abebbt, übernimmt oft der B-Typ das Ruder. Influenza B kann die Grippesaison künstlich in die Länge ziehen, oft bis in den März oder April hinein. Besonders tückisch ist, dass die Immunität, die durch eine überstandene A-Infektion aufgebaut wurde, nicht zwangsläufig vor dem B-Typ schützt. Sollte es zu einem sogenannten „Lineage Switch“ kommen, bei dem Influenza B dominant wird, steht Hessen eine zweite Infektionswelle bevor, die insbesondere Kinder und Jugendliche hart treffen könnte.
RSV und Co.: Der virale Cocktail
Neben der echten Grippe kämpft Hessen im Januar 2026 weiterhin mit einem Mix aus verschiedenen Atemwegserkrankungen. Das RS-Virus (Respiratorisches Synzytial-Virus) spielt weiterhin eine Rolle, auch wenn die Zahlen hier leicht sinken. Hinzu kommen die üblichen Erkältungsviren und COVID-19-Varianten, die zwar ihren Schrecken verloren haben, aber dennoch für Arbeitsausfälle sorgen.
Die Labore berichten von einer hohen Positivrate bei den eingesendeten Proben, was darauf hindeutet, dass die Dunkelziffer der Erkrankten weit höher liegt als die offizielle Statistik. Viele Menschen kurieren sich zu Hause aus, ohne einen Arzt aufzusuchen, und tauchen somit in keiner Statistik auf.
Fazit: Wachsamkeit statt Leichtsinn
Ist die Grippewelle 2026 also vorbei? Nein. Sie legt höchstwahrscheinlich nur eine Pause ein. Die Kombination aus der kommenden Fastnachtszeit und der drohenden Influenza-B-Welle mahnt zur Vorsicht.
Gesundheitsämter raten weiterhin zur Einhaltung der bekannten Hygieneregeln: Händewaschen, Lüften und – wer Symptome hat – unbedingt zu Hause bleiben. Wer sich jetzt noch impfen lässt, könnte zumindest vor der möglichen zweiten Welle geschützt sein, auch wenn der volle Schutz erst nach etwa zwei Wochen eintritt. Hessen darf kurz durchatmen, aber die Masken sollten vielleicht noch nicht ganz weggepackt werden.

