Von unserem Sportredaktions-Team
Die Hauptrunde der Handball-Europameisterschaft 2026 steuert auf ihren dramatischen Höhepunkt zu, doch der vorletzte Akt hinterließ im deutschen Lager gemischte Gefühle und reichlich Redebedarf. Es war ein Abend, der viel versprach und am Ende in einer deutlichen 26:31-Niederlage gegen den Weltmeister und Olympiasieger Dänemark mündete. Doch mehr noch als das reine Ergebnis bewegte die Art und Weise, wie diese Niederlage zustande kam – und wie sie am ARD-Mikrofon kommentiert wurde. Wer sich tiefergehend mit den rechtlichen oder finanziellen Aspekten des Sports oder anderen Fachthemen beschäftigt, findet auf unserer Hauptseite weitere interessante Einblicke, doch heute steht der Sport im absoluten Fokus.
Im Zentrum der medialen Aufarbeitung stand einmal mehr Johannes „Jogi“ Bitter. Der ehemalige Nationaltorhüter und aktuelle ARD-Experte durchlebte während der 60 Minuten eine emotionale Achterbahnfahrt, die stellvertretend für viele deutsche Fans an den Bildschirmen stand. Von Euphorie über Fassungslosigkeit bis hin zu harter, sachlicher Kritik war alles dabei.
Der Wendepunkt: Wenn Cleverness auf Frust trifft

Es lief die 38. Minute, als das Spiel, das bis dahin auf Augenhöhe geführt wurde, eine entscheidende und für das deutsche Team fatale Wendung nahm. Beim Stand von 14:15 befand sich die deutsche Mannschaft bereits in Unterzahl, als eine Szene das Blut von Johannes Bitter in Wallung brachte. Marko Grgic stieß im Zentrum mit dem dänischen Superstar Mathias Gidsel zusammen. Gidsel, bekannt für seine exzellente Antizipation und Körperbeherrschung, nahm den Kontakt dankend an und sorgte so für eine weitere Zeitstrafe gegen das DHB-Team.
Für Bitter war dies der Moment, in dem die diplomatische Zurückhaltung wich. „Nein, nein, nein, das ist gar nichts. Boah, da gehen die Pferde mit mir durch“, entfuhr es dem Experten live im Fernsehen. Seine Wortwahl „Das ist einfach nicht geil“ wurde binnen Minuten zum geflügelten Wort des Abends in den sozialen Netzwerken.
Bitter, der als Torhüter selbst oft genug Opfer von cleveren Angreifern war, analysierte die Szene blitzschnell und sezierte die dänische Strategie: „Klar rennen die ineinander rein. Gidsel weiß das vorher, dass da jemand kommt und macht genau das.“ In dieser Phase zeigte sich die ganze Klasse, aber auch die gnadenlose Abgebrühtheit der Dänen. Gidsel provozierte die Situation bewusst, um die doppelte Überzahl zu erzwingen – ein taktischer Schachzug, den Bitter zwar als „nicht geil“, aber im gleichen Atemzug anerkennend als Aktion des „Weltbesten“ bezeichnete. Genau in dieser doppelten Unterzahl entglitt dem deutschen Team das Spiel, das Unheil nahm seinen Lauf, und die Dänen zogen davon.
Analyse am Mikrofon: Ein Duo mit Ecken und Kanten
Die Übertragung der ARD lebte einmal mehr von der Dynamik zwischen Kommentator Florian Naß und dem Experten Johannes Bitter. Während Naß oft die Rolle des klassischen Erzählers einnimmt, der das Geschehen einordnet, ist Bitter der Mann für die Details, die dem Laien verborgen bleiben. Das Duo harmonierte über weite Strecken hervorragend, passte Lautstärke und Intensität dem Spielverlauf an und schaffte den Spagat zwischen Unterhaltung und fachlicher Tiefe.
Besonders wertvoll sind die Momente, in denen Bitter aus dem Nähkästchen plaudert. Als Emil Jakobsen einen Siebenmeter mit einem frechen Lupfer gegen den deutschen Keeper David Späth verwandelte, litt Bitter förmlich mit. „Den habe ich von ihm ein paar Mal bekommen“, gestand er und fügte eine Anekdote hinzu, die tiefe Einblicke in die Psychologie des Torhüterspiels gewährt: Das letzte Tor, das Bitter in seiner Karriere kassierte, war exakt so ein Lupfer von Jakobsen. „Das fand ich schon ein bisschen respektlos“, kommentierte er trocken und sorgte damit für einen der authentischsten Momente des Abends.
Doch auch die Kritik an der eigenen Zunft blieb nicht aus. Während Bitter die emotionale Seite abdeckte, neigte Florian Naß phasenweise dazu, die dänische Übermacht etwas zu sehr zu betonen. Die Ehrfurcht vor dem Weltmeister wirkte an manchen Stellen fast lähmend. Hier wäre, so die einhellige Meinung vieler Beobachter, etwas weniger Bewunderung für den Gegner und mehr Fokus auf die eigene Stärke der ersten Halbzeit angebracht gewesen.
Taktische Defizite: Warum Bitter den Bundestrainer hinterfragte
Abseits der emotionalen Ausbrüche lieferte Johannes Bitter eine knallharte Analyse der taktischen Mängel, die in der zweiten Halbzeit offensichtlich wurden. Anders als viele TV-Experten, die sich oft in Allgemeinplätzen flüchten, wurde Bitter konkret. Er schlüpfte fast schon in die Rolle eines Co-Trainers, als er bereits zur Halbzeitpause und im weiteren Verlauf vehement einen Torwartwechsel forderte.
Die Entscheidung von Bundestrainer Alfred Gislason, mit David Späth zu beginnen und lange an ihm festzuhalten, überraschte viele. Bitter plädierte früh für die Einwechslung des routinierten Andreas Wolff, um neue Impulse zu setzen und die dänischen Schützen vor andere Aufgaben zu stellen.
Noch deutlicher wurde Bitter, als es um das Angriffsspiel ging. „Wir bekommen keine Tiefe im Angriff“, monierte er nach 45 Minuten und schlug proaktiv das taktische Mittel „7 gegen 6“ vor. Die Logik dahinter war bestechend: Deutschland hatte alle Kreisläufer an Bord, eine Situation, die prädestiniert dafür ist, die dänische Abwehr durch einen zusätzlichen Feldspieler zu binden und sie dazu zu zwingen, defensiver zu agieren („hinten reinzugehen“). Dass dieses Mittel nicht oder zu spät konsequent genutzt wurde, stieß beim Experten auf Unverständnis.
„Das ist nicht das Mittel der Wahl, Freunde“, kommentierte er frustriert nach einem weiteren planlosen Angriff, der in der dänischen Deckung verpuffte. Bitters Fazit nach dem Spiel war dementsprechend ernüchternd und richtete sich indirekt auch an das Trainerteam: „Warum haben wir mit dem Personal so gespielt, wie wir gespielt haben? Ich habe das Gefühl, dass wir heute nicht alle Sachen auf die Platte bekommen haben, die wir hätten bringen können.“ Diese Aussage wiegt schwer, denn sie impliziert, dass die Niederlage nicht nur auf die Stärke des Gegners, sondern auch auf ein „Vercoachen“ oder zumindest auf ungenutzte Potenziale der eigenen Mannschaft zurückzuführen ist.
Dänemark als Maßstab: Die Rolle der Bundesliga
Trotz aller Kritik am deutschen Spiel ließen Bitter und Naß keinen Zweifel daran, warum Dänemark derzeit das Maß aller Dinge im Welthandball ist. Interessant war dabei die Herausarbeitung der Zusammenhänge: Die Stärke der dänischen Nationalmannschaft ist untrennbar mit der deutschen Handball-Bundesliga verbunden. Da die besten Dänen – wie Gidsel oder auch Torhüter Emil Nielsen – in der „stärksten Liga der Welt“ spielen, profitieren sie von der dortigen Härte und dem Wettbewerb, den sie dann im Nationaltrikot perfektionieren.
Emil Nielsen im dänischen Tor wurde von Bitter sogar das Prädikat „exorbitant geil“ verliehen. Eine Anerkennung, die zeigt, dass sportliche Rivalität die Wertschätzung für außergewöhnliche Leistungen nicht ausschließt.
Der Blick nach vorn: Das „Endspiel“ gegen Frankreich
Die Niederlage gegen Dänemark schmerzt, doch sie ist, wie es in der Berichterstattung treffend hieß, „kein Weltuntergang“. Das Turnierformat und die bisherigen Leistungen haben dem DHB-Team eine Ausgangslage verschafft, die trotz der Pleite noch alle Türen offenlässt. Wie Web.de in seiner ausführlichen Analyse berichtet, hat die Mannschaft nun ein echtes Endspiel vor der Brust.
Am Mittwoch trifft Deutschland im letzten Hauptrundenspiel auf den Titelverteidiger Frankreich. Die Konstellation ist klar: Ein Unentschieden reicht der deutschen Mannschaft bereits, um das Halbfinale zu erreichen. Doch wer Johannes Bitter kennt, weiß, dass Taktieren auf Remis nicht seine Sache ist.
Zum Abschluss der Übertragung ließ sich der Experte zu einem gewagten Tipp hinreißen. Auf die Frage nach seiner Prognose antwortete er mit der ihm eigenen Leidenschaft: „Verdammt nochmal – mit 4“. Er setzt also nicht auf ein Zitterspiel, sondern auf einen klaren Sieg der deutschen Mannschaft mit vier Toren Unterschied. Ob dies reines Wunschdenken oder, wie schon bei der Analyse der dänischen Spielzüge, eine Vorahnung ist, wird sich zeigen.
Fazit: Lehren aus der Niederlage
Die 26:31-Niederlage hat schonungslos offengelegt, was dem deutschen Team noch zur absoluten Weltspitze fehlt: Die Kaltschnäuzigkeit in entscheidenden Momenten und vielleicht auch der Mut, taktische Varianten wie das „7 gegen 6“ konsequenter einzusetzen. Johannes Bitter hat als Experte den Finger tief in die Wunde gelegt, ohne dabei destruktiv zu wirken. Seine Analyse war scharf, aber fundiert.
Für das kommende Spiel gegen Frankreich muss das Team von Alfred Gislason diese Kritik annehmen. Die „Pferde“, die mit Bitter am Mikrofon durchgingen, müssen nun auf dem Spielfeld in positive Energie umgewandelt werden. Denn eines ist klar: Gegen Frankreich wird es erneut „nicht geil“, wenn man sich von der Cleverness des Gegners den Schneid abkaufen lässt. Es braucht kühle Köpfe, taktische Disziplin und vielleicht auch ein wenig von der „Respektlosigkeit“, die Bitter bei den dänischen Abschlüssen beobachtete, um ins Halbfinale einzuziehen. Der Mittwoch wird zeigen, ob die Mannschaft die Lektionen aus dem Dänemark-Spiel gelernt hat.

