Regelmäßiges Lauftraining stärkt das Herz-Kreislauf-System und senkt das Risiko zahlreicher chronischer Erkrankungen. Die Marathondistanz von 42,195 Kilometern stellt für den Körper jedoch eine extreme Belastung dar – insbesondere bei unentdeckten Herzproblemen, Infektionen oder einem abrupten Endspurt. Sportkardiologen betonen, dass lange Läufe für gesunde und gut vorbereitete Menschen grundsätzlich nicht gefährlich sind. Die meisten schweren Zwischenfälle stehen vielmehr mit Erkrankungen in Zusammenhang, von denen die Betroffenen vor dem Wettkampf nichts wussten. Schreibt bankrecht-ratgeber mit Bezug auf n-tv.
Marathon bleibt ein seltenes, aber reales Gesundheitsrisiko
In den vergangenen Jahrzehnten haben sich große Laufveranstaltungen von Wettbewerben für eine kleine Gruppe professioneller Athleten und ambitionierter Freizeitsportler zu einem weltweiten Massenphänomen entwickelt. Beim ersten New-York-Marathon im Jahr 1970 gingen lediglich 127 Teilnehmer an den Start, von denen 55 das Ziel erreichten. Heute werden bei den größten Marathons Zehntausende Finisher gezählt.
Mit der wachsenden Popularität des Laufsports häufen sich auch Berichte über Teilnehmer, die während eines Rennens das Bewusstsein verlieren, einen Herzstillstand erleiden oder auf der Strecke sterben. Besonders große Aufmerksamkeit erhalten solche Fälle, wenn junge Menschen betroffen sind, die als gesund und körperlich fit galten.
Eine umfangreiche Analyse, die 2025 im Fachjournal JAMA veröffentlicht wurde, wertete Daten von 29,3 Millionen Marathon- und Halbmarathon-Finishern in den USA zwischen 2010 und 2023 aus. Die Wissenschaftler registrierten 176 Herzstillstände, von denen 59 tödlich endeten. Damit kam statistisch etwa ein Todesfall auf 500.000 Finisher.
Im Vergleich zu den 2000er-Jahren ist die Sterblichkeit deutlich zurückgegangen. Damals starb statistisch etwa einer von 256.000 Teilnehmern. Die Autoren führen diese Entwicklung nicht auf eine geringere Belastung zurück, sondern vor allem auf eine bessere medizinische Versorgung: schnellere Wiederbelebungsmaßnahmen, geschultes Personal entlang der Strecke und den raschen Einsatz automatisierter externer Defibrillatoren.
Männer sind deutlich häufiger betroffen als Frauen
Die US-Daten zeigen, dass das Risiko eines Herzstillstands bei Männern höher ist als bei Frauen. Zudem treten solche Zwischenfälle auf der vollen Marathondistanz häufiger auf als bei Halbmarathons.
Die meisten Notfälle ereignen sich im letzten Viertel des Rennens. Als besonders kritischer Abschnitt gilt die Phase unmittelbar vor dem Ziel, wenn erschöpfte Läufer plötzlich ihr Tempo erhöhen. In diesem Moment steigt der Sauerstoffbedarf des Herzmuskels stark an. Gleichzeitig verstärken Flüssigkeitsverlust, erhöhte Körpertemperatur und die bereits angesammelte körperliche Erschöpfung die Belastung des Kreislaufs.
Als häufigste bekannte Ursache eines Herzstillstands nannten die Forscher die koronare Herzkrankheit. Dabei sind die Herzkranzgefäße verengt, wodurch der Herzmuskel schlechter mit Blut und Sauerstoff versorgt wird. Die Erkrankung kann lange unbemerkt bleiben, insbesondere bei Menschen, die körperlich aktiv sind und sich keiner kardiologischen Untersuchung unterziehen.
Mit zunehmendem Alter steigt das Risiko einer unentdeckten Arteriosklerose. Bei Läufern über 35 Jahren stehen schwere Herzereignisse während des Sports daher häufiger mit klassischen Gefäßveränderungen, Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen oder Diabetes in Verbindung als mit seltenen angeborenen Herzerkrankungen.
Der letzte Kilometer kann zum gefährlichsten Abschnitt werden
Eine französische Studie, die im Februar 2026 veröffentlicht wurde, deutet ebenfalls darauf hin, dass sich Herznotfälle besonders häufig in Zielnähe ereignen. Über einen Zeitraum von zehn Jahren beobachteten die Wissenschaftler 1,2 Millionen Teilnehmer an Ausdauerwettkämpfen in Paris.
In dieser Zeit wurden 17 plötzliche Herzstillstände registriert. In 15 Fällen waren Männer betroffen. Neun Zwischenfälle ereigneten sich auf dem letzten Kilometer, davon acht bei männlichen Läufern.
Die Autoren betonen, dass sich nicht eindeutig beweisen lässt, dass der Endspurt in jedem einzelnen Fall die unmittelbare Ursache war. Die Häufung der Ereignisse auf dem letzten Streckenabschnitt sei jedoch auffällig und müsse bei der Bewertung des Risikos berücksichtigt werden.
Der Münchner Sportkardiologe Martin Halle erklärt dieses Muster damit, dass viele Teilnehmer ihre Kräfte über weite Teile der Strecke vernünftig einteilen, kurz vor dem Ziel aber dem Ehrgeiz nachgeben und plötzlich sprinten. Bei einer nicht erkannten Herzerkrankung kann diese abrupte Belastung zu gefährlichen Herzrhythmusstörungen, einem Kreislaufzusammenbruch oder einem Herzstillstand führen.
Auch der Bayreuther Kardiologe Christian Stumpf empfiehlt, bis zum Ende ein gleichmäßiges Tempo zu halten und verlorene Zeit nicht auf den letzten Hundert Metern aufholen zu wollen. Das gilt insbesondere für Freizeitläufer, die eine persönliche Bestzeit anstreben und ihre Erschöpfung nicht immer realistisch einschätzen.
Warum Männer ein höheres Risiko haben
Eine systematische Übersichtsarbeit, die 2025 im Fachjournal Sports Medicine veröffentlicht wurde, kam zu dem Ergebnis, dass plötzlicher Herztod oder Herzstillstand bei Männern während sportlicher Wettkämpfe mehr als fünfmal so häufig auftreten wie bei Frauen.
Eine eindeutige Erklärung gibt es bislang nicht. Diskutiert werden Unterschiede in der Struktur und Anpassung des Herzens, hormonelle Faktoren, die höhere Verbreitung der koronaren Herzkrankheit sowie ein riskanteres Verhalten im Wettkampf.
Fachleute vermuten, dass Männer häufiger versuchen, ein hohes Tempo aufrechtzuerhalten, Warnzeichen ignorieren und auf dem letzten Streckenabschnitt beschleunigen. Biologische Unterschiede und das Wettkampfverhalten könnten das Risiko gemeinsam beeinflussen.
Regelmäßiges Ausdauertraining gilt dabei nicht als Ursache von Herzerkrankungen. Im Gegenteil: Es verbessert die Gefäßfunktion, unterstützt die Kontrolle von Blutdruck, Körpergewicht und Blutzucker und senkt langfristig das Herz-Kreislauf-Risiko. Gefährlich wird es, wenn eine Person mit unentdeckter Erkrankung ihren Körper einer deutlich höheren Belastung aussetzt als im Training.
Wer sich vor einem Marathon untersuchen lassen sollte
Neue deutsche Empfehlungen der Sportmedizin raten Erwachsenen zu einer medizinischen Untersuchung, wenn sie erstmals mit intensivem Training beginnen oder ihre Belastung deutlich steigern wollen. Zur Basisdiagnostik gehören in der Regel eine ausführliche persönliche und familiäre Anamnese, eine körperliche Untersuchung und ein Ruhe-EKG.
Bei Beschwerden oder individuellen Risikofaktoren kann der Arzt zusätzlich ein Belastungs-EKG, eine Ultraschalluntersuchung des Herzens, Blutanalysen oder eine weiterführende Untersuchung der Herzkranzgefäße veranlassen. Welche Diagnostik sinnvoll ist, hängt vom Alter, von Vorerkrankungen und von möglichen Symptomen ab.
Besonders Läufer über 35 Jahre sollten vor der Vorbereitung auf einen Marathon ihren Blutdruck, Cholesterin- und andere Blutfettwerte sowie den Blutzucker kontrollieren lassen. Außerdem ist wichtig zu klären, ob es in der Familie frühe Herzinfarkte, plötzliche Todesfälle oder schwere Herzrhythmusstörungen gegeben hat.
Warnzeichen, die ärztlich abgeklärt werden sollten, sind Schmerzen oder Druck in der Brust, ungewöhnliche Atemnot, Schwindel, Ohnmacht, Herzstolpern oder ein plötzlicher deutlicher Verlust der gewohnten Leistungsfähigkeit. Solche Beschwerden sollten nicht allein auf Erschöpfung oder mangelndes Training zurückgeführt werden.
Auch das Fehlen von Symptomen schließt eine Erkrankung nicht vollständig aus. Eine koronare Herzkrankheit, bestimmte Rhythmusstörungen oder vererbte Herzmuskelerkrankungen können im Alltag lange unauffällig bleiben und sich erst unter extremer Belastung bemerkbar machen.
Laufen mit einem Infekt kann besonders gefährlich sein
Als zusätzlichen Risikofaktor nennen Sportmediziner das Training oder die Teilnahme an einem Wettkampf während eines Infekts. Selbst eine scheinbar harmlose Virusinfektion kann in einigen Fällen eine Entzündung des Herzmuskels, eine sogenannte Myokarditis, auslösen.
Die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie warnt davor, bei einer Myokarditis intensiv Sport zu treiben. Der entzündete Herzmuskel reagiert empfindlicher auf Belastung und wird anfälliger für gefährliche Rhythmusstörungen. In schweren Fällen kann Sport eine akute Herzschwäche oder sogar einen plötzlichen Herzstillstand auslösen.
Auch eine wissenschaftliche Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2020 kam zu dem Ergebnis, dass eine Herzmuskelentzündung eine wichtige Ursache schwerer Herzrhythmusstörungen und plötzlicher Todesfälle bei körperlich aktiven Menschen sein kann. Problematisch ist, dass sich eine Myokarditis nicht immer durch starke Brustschmerzen bemerkbar macht. Häufig wird sie lediglich als ungewöhnlich lange anhaltende Schwäche nach einer Erkältung wahrgenommen.
Auf Training und Wettkampf sollte bei Fieber, Gliederschmerzen, starkem Husten, Durchfall, ungewöhnlicher Müdigkeit, auffälligem Herzklopfen oder einer deutlichen Leistungsminderung verzichtet werden. Nach einem Infekt sollte die Trainingsintensität schrittweise erhöht werden. Bleiben Beschwerden bestehen, ist vor der Rückkehr zum Sport eine ärztliche Untersuchung erforderlich.
Was das Risiko am Wettkampftag zusätzlich erhöht
Die Gefahr eines Herznotfalls nimmt zu, wenn zu einer unerkannten Erkrankung weitere Belastungen wie Flüssigkeitsmangel, Hitze, Schlafmangel, ein ungewohnt hohes Tempo oder die Einnahme stimulierender Substanzen hinzukommen. Auch eine unzureichende Vorbereitung spielt eine Rolle, wenn ein Läufer eine Distanz bewältigen will, auf die sein Körper nicht eingestellt ist.
Auf den letzten Kilometern eines Marathons sind die Energiereserven weitgehend erschöpft, die Körpertemperatur ist erhöht und der Flüssigkeitsverlust wirkt sich auf das zirkulierende Blutvolumen aus. Das Herz muss schneller arbeiten, um Muskeln und Organe weiterhin ausreichend zu versorgen.
Besonders gefährlich ist es, bei Schmerzen in der Brust, zunehmender Atemnot, Verwirrtheit, starkem Schwindel oder unregelmäßigem Herzschlag weiterzulaufen. In solchen Situationen sollte der Lauf sofort abgebrochen und medizinische Hilfe in Anspruch genommen werden.
Bei großen Laufveranstaltungen befinden sich entlang der Strecke medizinische Stationen und Defibrillatoren. Die Überlebenschancen hängen entscheidend davon ab, wie schnell ein Herzstillstand erkannt, mit der Wiederbelebung begonnen und ein automatisierter Defibrillator eingesetzt wird.
So lässt sich das Risiko vor dem Start verringern
Die Vorbereitung auf einen Marathon sollte mehrere Monate dauern und eine schrittweise Steigerung des wöchentlichen Laufumfangs umfassen. Abrupte Sprünge bei Distanz oder Intensität belasten nicht nur Muskeln und Gelenke, sondern auch das Herz-Kreislauf-System.
Vor dem Wettkampf sollte der eigene Gesundheitszustand kritisch geprüft werden. Bei Anzeichen einer Erkrankung ist ein Start nicht vertretbar. Ebenso wichtig ist es, ein realistisches Tempo festzulegen und während des Rennens Temperatur, Flüssigkeitszufuhr und körperliche Warnsignale zu berücksichtigen.
Sportkardiologen raten davon ab, die letzten Meter in einen Sprint zu verwandeln, wenn der Körper bereits an seiner Belastungsgrenze angekommen ist. Ein gleichmäßiges Tempo reduziert die Gefahr eines plötzlichen Anstiegs des Sauerstoffbedarfs im Herzen und kann das Risiko gefährlicher Rhythmusstörungen verringern.
Zu den wichtigsten Warnzeichen auf der Strecke gehören Schmerzen oder Brennen hinter dem Brustbein, plötzliche Schwäche, ein drohender Bewusstseinsverlust, ungewöhnlich starke Atemnot und deutlich spürbare Herzrhythmusstörungen. Wer unter solchen Symptomen weiterläuft, verzögert mögliche Hilfe und erhöht das Risiko schwerer Komplikationen.
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