Der niedrige Wasserstand von Rhein und Ruhr hat zu höheren Konzentrationen pharmazeutischer Rückstände geführt, die kontinuierlich über gereinigte Abwässer in die Flüsse gelangen. Im Fokus der Umweltbehörden in Nordrhein-Westfalen steht derzeit insbesondere Candesartan – ein Arzneistoff, der unter anderem zur Behandlung von Bluthochdruck und Herzinsuffizienz eingesetzt wird. Schreibt bankrecht-ratgeber mit Bezug auf apotheke-adhoc.
In Mülheim an der Ruhr wurde eine Konzentration von 0,67 Mikrogramm pro Liter gemessen. Damit liegt der Wert mehr als doppelt so hoch wie die Meldeschwelle von 0,3 Mikrogramm pro Liter. Das Landesamt für Natur, Umwelt und Klima Nordrhein-Westfalen (LANUK) betont jedoch, dass daraus keine unmittelbare Gefahr für die Bevölkerung oder das Trinkwasser abgeleitet werden kann.
Niedrigwasser verschärft das Problem der Mikroverunreinigungen
Die Gewässer in Nordrhein-Westfalen werden regelmäßig auf chemische Belastungen untersucht. Rhein und Ruhr stehen dabei unter besonders intensiver Beobachtung und werden häufiger kontrolliert als viele andere Gewässer.
Bei länger anhaltendem Niedrigwasser nimmt die Wassermenge in den Flüssen ab, während der Eintrag verschiedener Stoffe über Kläranlagen weitgehend bestehen bleibt. Dadurch sinkt die Verdünnungswirkung des Flusswassers, und die Konzentrationen einzelner Verbindungen können steigen.
Besonders deutlich zeigt sich dieser Effekt bei sogenannten Mikroverunreinigungen. Dazu gehören Rückstände von Arzneimitteln und andere organische Substanzen, die in herkömmlichen Kläranlagen zum Teil nur unvollständig entfernt werden.
Candesartan zählt zu diesen Stoffen. Nach Angaben des LANUK wird der Wirkstoff bereits seit Jahren regelmäßig in Rhein und Ruhr nachgewiesen und gilt dort als dauerhafte Belastung.
In Mülheim wurden 0,67 Mikrogramm Candesartan pro Liter gemessen
Bereits seit Anfang Juli lagen die gemessenen Candesartan-Werte über 0,1 Mikrogramm pro Liter. Zu diesem Zeitpunkt blieben sie allerdings noch unter der Meldeschwelle von 0,3 Mikrogramm pro Liter.
Das anhaltende Niedrigwasser führte anschließend zu einem weiteren Anstieg. Durch das geringere Wasservolumen erhöhte sich die Konzentration des Wirkstoffs an mehreren Messstellen und überschritt teilweise die festgelegte Schwelle.
Am Rhein wurde der höchste Wert im Bereich Lobith gemessen. Dort lag die Konzentration bei rund 0,38 Mikrogramm pro Liter. Deutlich höher fiel der Wert in der Ruhr bei Mülheim an der Ruhr aus: Dort wurden 0,67 Mikrogramm pro Liter festgestellt.
Das LANUK weist darauf hin, dass solche Messwerte eine verstärkte Aufmerksamkeit der zuständigen Behörden und Wasserversorger erfordern. Einschränkungen für die Bevölkerung ergeben sich daraus jedoch nicht automatisch.
Meldeschwelle von 0,3 Mikrogramm bedeutet keine Gesundheitswarnung
Der Wert von 0,3 Mikrogramm pro Liter dient in erster Linie als Informations- und Meldeschwelle. Er wurde gemeinsam mit den Wasserversorgern entlang von Rhein und Ruhr festgelegt, um frühzeitig auf Veränderungen der chemischen Zusammensetzung des Rohwassers reagieren zu können.
Wird dieser Wert überschritten, werden zuständige Behörden und Trinkwasserversorger informiert. Sie können anschließend prüfen, ob weitere Untersuchungen notwendig sind und ob gegebenenfalls technische Maßnahmen bei der Wasseraufbereitung ergriffen werden müssen.
Die Schwelle ist damit nicht mit einem gesetzlichen Grenzwert gleichzusetzen, bei dessen Überschreitung Wasser automatisch als gesundheitsgefährdend eingestuft würde.
Das Meldesystem soll vielmehr dafür sorgen, dass mögliche Veränderungen früh erkannt werden, bevor daraus ein Problem für die Trinkwasserversorgung entstehen kann.
Messstationen überwachen Rhein und Zuflüsse
Zur Kontrolle des Rheins betreibt das LANUK gemeinsam mit der Organisation für intensive Gewässerüberwachung INGO ein umfangreiches Netz von Messstationen entlang des Flusses und seiner größeren Zuflüsse. Auch an den Mündungen wichtiger Nebenflüsse befinden sich Kontrollstellen.
Eine zentrale Aufgabe des Systems besteht darin, plötzlich auftretende chemische Belastungen möglichst schnell zu erkennen. Bei auffälligen Messwerten können Behörden und Wasserversorger innerhalb weniger Stunden informiert werden.
Die Untersuchungen beschränken sich dabei nicht auf wenige bekannte Stoffe. Zum Einsatz kommen gezielte Analysen, sogenannte Suspect-Screenings sowie Non-Target-Analysen, mit denen zahlreiche weitere potenziell relevante chemische Verbindungen erfasst werden können.
Derzeit werden im Rahmen gezielter Analysen etwa 500 organische Mikroverunreinigungen untersucht. Die Datenbank für verdächtige Substanzen umfasst zudem rund 3500 Stoffe.
Nach Angaben des LANUK ist das bestehende Messsystem auch auf längere Niedrigwasserperioden ausgelegt. Steigt die chemische Belastung eines Gewässers deutlich an, soll dies über die vorhandenen Überwachungsprogramme erkannt und über festgelegte Meldewege weitergegeben werden.
Vierte Reinigungsstufe soll Arzneimittelrückstände reduzieren
Eine wichtige Rolle bei der Verringerung von Arzneimittelrückständen spielt die sogenannte vierte Reinigungsstufe in Kläranlagen.
Herkömmliche Klärverfahren sind vor allem darauf ausgerichtet, organische Belastungen, Stickstoff, Phosphor und andere typische Bestandteile des Abwassers zu entfernen. Zahlreiche Arzneimittelwirkstoffe und komplexe organische Verbindungen können die üblichen Reinigungsstufen jedoch teilweise passieren.
Zusätzliche Verfahren ermöglichen eine deutlich stärkere Entfernung solcher Mikroverunreinigungen. In Nordrhein-Westfalen sind entsprechende Anlagen bereits in Betrieb, weitere Kläranlagen sollen umgerüstet oder neu ausgestattet werden.
Zusätzlichen Druck zur Modernisierung bringt die überarbeitete europäische Kommunalabwasserrichtlinie. Sie sieht vor, fortschrittliche Verfahren zur Entfernung von Mikroverunreinigungen schrittweise an großen Kläranlagen einzuführen, die Gebiete mit mindestens 150.000 Einwohnern versorgen.
Auch für kleinere Anlagen ab 10.000 Einwohnern können vergleichbare Anforderungen gelten, wenn deren Abwässer in besonders empfindliche oder stark belastete Gewässer gelangen.
Trinkwasser wird vor der Abgabe zusätzlich aufbereitet
Eine erhöhte Candesartan-Konzentration im Fluss bedeutet nicht, dass im Trinkwasser derselbe Wert erreicht wird.
Wasserversorger bereiten das entnommene Rohwasser zusätzlich auf. Die eingesetzten Verfahren sollen sicherstellen, dass die geltenden Anforderungen erfüllt werden, bevor das Wasser in das öffentliche Trinkwassernetz gelangt.
Genau deshalb konzentriert sich das Frühwarnsystem auf die Qualität des Rohwassers. Beginnt die Konzentration eines Stoffes zu steigen, können die Versorger frühzeitig reagieren und die Aufbereitung überprüfen oder anpassen.
Nach Angaben der Umweltbehörden liegt die Konzentration, bei der toxikologisch relevante Auswirkungen auf Fische und andere Wasserorganismen erwartet werden, bei etwa 100 Mikrogramm pro Liter. Dieser Wert liegt mehr als 300-mal über der Meldeschwelle von 0,3 Mikrogramm pro Liter.
Was ist Candesartan?
Candesartan gehört zur Gruppe der Sartane und wird vor allem zur Behandlung von Bluthochdruck und chronischer Herzinsuffizienz eingesetzt. Arzneimittel dieser Wirkstoffklasse können zudem bei bestimmten Nierenerkrankungen verwendet werden.
Der Wirkstoff blockiert AT1-Rezeptoren für Angiotensin II und greift dadurch in das Renin-Angiotensin-Aldosteron-System ein. Die gefäßverengende Wirkung von Angiotensin II wird abgeschwächt, die Blutgefäße erweitern sich und der Blutdruck sinkt.
Candesartan beeinflusst außerdem den Natrium- und Kaliumhaushalt und besitzt eine leicht harntreibende Wirkung.
In Arzneimitteln wird meist Candesartancilexetil eingesetzt. Dabei handelt es sich um ein Prodrug, das während der Aufnahme im Magen-Darm-Trakt rasch in die aktive Form Candesartan umgewandelt wird.
Anders als ACE-Hemmer blockiert der Wirkstoff nicht das Angiotensin-Converting-Enzym und greift daher nicht unmittelbar in den Abbau von Bradykinin ein.
Für Candesartan gibt es keinen eigenen Trinkwasser-Grenzwert
In Deutschland existiert derzeit kein gesetzlich festgelegter eigener Grenzwert für Candesartan im Trinkwasser.
Für verwandte Arzneimittelrückstände und Abbauprodukte gelten jedoch vorsorgliche Orientierungswerte. Das Umweltbundesamt hat beispielsweise für Valsartansäure einen gesundheitlichen Orientierungswert von 0,3 Mikrogramm pro Liter im Trinkwasser festgelegt.
Solche Werte beruhen auf dem Vorsorgeprinzip. Sie kommen insbesondere bei Stoffen zum Einsatz, deren toxikologische Eigenschaften noch nicht vollständig bewertet werden können oder für die nur begrenzte Daten verfügbar sind. Ziel ist es, eine langfristige Anreicherung in Trink- und Grundwasser zu vermeiden.
Candesartan ist wegen seiner vergleichsweise schwierigen Entfernung auch für die Kontrolle von Kläranlagen von Bedeutung. Der Wirkstoff wird als Indikatorsubstanz genutzt, um die Wirksamkeit einer vierten Reinigungsstufe zu überprüfen.
Candesartan gilt als stark wassergefährdend
In der deutschen Einstufung zur Wassergefährdung wird Candesartan der Wassergefährdungsklasse WGK 3 zugeordnet. Damit gilt der Stoff als stark wassergefährdend.
Ökotoxikologische Daten weisen auf mögliche Belastungen für Wasserorganismen hin, insbesondere bei längerfristiger Exposition.
Gerade die Beständigkeit des Wirkstoffs und sein kontinuierlicher Eintrag über das Abwasser machen Candesartan zu einem wichtigen Stoff für die Gewässerüberwachung. Bei niedrigem Wasserstand von Rhein und Ruhr tritt dieses Problem besonders deutlich hervor, weil weniger Flusswasser zur Verdünnung der kontinuierlich eingetragenen Mikroverunreinigungen zur Verfügung steht.
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