Die Debatte über eine mögliche Anhebung des Rentenalters in Deutschland hat erneut an Fahrt aufgenommen. Auslöser waren Medienberichte, wonach eine staatliche Rentenkommission angeblich empfehlen wolle, das Renteneintrittsalter auf 70 Jahre anzuheben. Die Mitglieder der Kommission wiesen diese Berichte zwar umgehend zurück, dennoch bleibt das Thema angesichts des demografischen Wandels und der steigenden Lebenserwartung aktuell. Schreibt bankrecht-ratgeber mit Bezug auf t-online.
Forscher der Deutschen Rentenversicherung betonen in einer Analyse, die in der Fachzeitschrift Wirtschaftsdienst veröffentlicht wurde, dass eine automatische Erhöhung des Rentenalters nicht als einfache Lösung für die Herausforderungen der gesetzlichen Rentenversicherung betrachtet werden sollte.
Eine Anhebung des Rentenalters garantiert keine Einsparungen
Nach Einschätzung der Wissenschaftler kann ein höheres Rentenalter nur dann zu finanziellen Entlastungen führen, wenn ältere Beschäftigte tatsächlich länger im Erwerbsleben bleiben. Geschieht dies nicht und sind Betroffene stattdessen häufiger arbeitslos, krankgeschrieben oder auf Erwerbsminderungsleistungen angewiesen, würden die Kosten lediglich in andere Bereiche des Sozialsystems verlagert.
Die Autoren weisen zudem darauf hin, dass die internationalen Erfahrungen sehr unterschiedlich ausfallen. Entscheidend sei nicht allein das gesetzlich festgelegte Rentenalter, sondern auch die tatsächliche Möglichkeit älterer Menschen, länger am Arbeitsmarkt teilzunehmen.
Das Beispiel Dänemark sorgt für neue Diskussionen
Neue Aufmerksamkeit erhielt die Debatte durch die Entwicklung in Dänemark. Das Land hatte bereits 2006 beschlossen, das Rentenalter an die Lebenserwartung zu koppeln. Auf dieser Grundlage wurde inzwischen festgelegt, dass das Rentenalter bis 2040 schrittweise auf 70 Jahre steigen soll.
Dieses Modell wird häufig als Beispiel für andere europäische Staaten genannt. Die deutschen Forscher betonen jedoch, dass eine direkte Übertragung eines solchen Systems nationale Besonderheiten und Unterschiede auf dem Arbeitsmarkt außer Acht lassen würde.
Forscher verweisen auf Unterschiede bei der Lebenserwartung
Besonders kritisch bewerten die Wissenschaftler die sozialen Unterschiede bei der Lebenserwartung. Zahlreiche Studien zeigen, dass Menschen mit höheren Einkommen im Durchschnitt deutlich länger leben als Menschen mit niedrigeren Einkommen.
Für Deutschland verweisen die Autoren auf Untersuchungen, wonach Männer mit den höchsten Einkommen ab dem Alter von 65 Jahren durchschnittlich rund 6,6 Jahre länger leben als Männer mit den niedrigsten Einkommen. Bei Frauen beträgt dieser Unterschied etwa 3,7 Jahre.
Nach Ansicht der Forscher würde eine einheitliche Anhebung des Rentenalters nicht alle Bevölkerungsgruppen gleichermaßen betreffen. Menschen mit einer geringeren Lebenserwartung verbringen statistisch ohnehin weniger Jahre im Ruhestand. Eine weitere Erhöhung des Rentenalters könnte diesen Unterschied zusätzlich verstärken.
Begleitende Maßnahmen gelten als notwendig
Die Autoren der Studie betonen, dass eine Anhebung des Rentenalters nur dann gesellschaftlich tragfähig sein kann, wenn sie von umfassenden Reformen begleitet wird. Dazu zählen unter anderem Verbesserungen im Gesundheitswesen, ein stärkerer Ausbau von Rehabilitationsangeboten, altersgerechte Arbeitsplätze, flexible Arbeitszeitmodelle sowie kontinuierliche Weiterbildungsangebote.
Ohne solche Voraussetzungen steigt nach Einschätzung der Forscher das Risiko, dass ältere Arbeitnehmer aus gesundheitlichen Gründen früher aus dem Berufsleben ausscheiden oder längere Phasen der Arbeitsunfähigkeit erleben.
Automatische Systeme beenden politische Debatten nicht
Die Experten verweisen außerdem auf Erfahrungen anderer europäischer Länder. In Italien und den Niederlanden wurden automatische Anpassungsmechanismen für das Rentenalter später mehrfach verändert oder durch Ausnahmeregelungen ergänzt.
Nach Auffassung der Autoren verschwinden politische Konflikte durch automatisierte Regelungen nicht. Vielmehr verlagern sich die Diskussionen auf die konkrete Ausgestaltung der Vorschriften, die jederzeit politisch angepasst oder geändert werden können.
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