In der Region der Phlegräischen Felder bei Neapel hat sich das stärkste Erdbeben seit Beginn der instrumentellen Messungen in diesem Vulkangebiet ereignet. Der Erdstoß der Magnitude 4,7 wurde am Abend des 31. Juli in der Nähe der Stadt Pozzuoli registriert. Schreibt bankrecht-ratgeber mit Bezug auf fr.de.
Bei dem Erdbeben wurden mindestens 21 Menschen verletzt. In Pozzuoli und in den westlichen Stadtteilen Neapels wurden Wohnhäuser beschädigt, Teile von Fassaden stürzten auf die Straßen, Fahrzeuge wurden unter Trümmern begraben. Rettungskräfte untersuchen die Gebäude und prüfen deren Stabilität.
Das Epizentrum lag nach Angaben des italienischen Nationalinstituts für Geophysik und Vulkanologie in der Nähe des Vulkangebiets der Phlegräischen Felder. Nach dem Beben fordern Experten erneut, die Bevölkerung nicht nur auf weitere seismische Aktivität, sondern auch auf einen möglichen Vulkanausbruch vorzubereiten.
Vulkanologe: Aktivität der Phlegräischen Felder nimmt weiter zu
Der Vulkanologe und Forscher am Nationalinstitut für Geophysik und Vulkanologie, Giuseppe De Natale, erklärte, das jüngste Erdbeben sei für Fachleute nicht überraschend gekommen. Es bestätige vielmehr die langfristige Zunahme der vulkanischen Aktivität in der Region.
Die aktuelle Aktivitätsphase in den Phlegräischen Feldern dauert bereits seit Mitte des 20. Jahrhunderts an. Zunächst zeigte sie sich vor allem durch eine allmähliche Hebung der Erdoberfläche. Eine deutlich wahrnehmbare seismische Aktivität setzte etwa in den 1970er-Jahren ein.
Seitdem registrieren Experten regelmäßig Erdbeben, Bodenverformungen und Veränderungen innerhalb des vulkanischen Systems. Nach Angaben De Natales hebt sich die Erdoberfläche im Raum Pozzuoli weiterhin an. Dies deute darauf hin, dass sich unterirdisch Spannungen aufbauen.
Der Wissenschaftler verglich die heutige Entwicklung mit einer langen Aktivitätsphase, die um das Jahr 1430 begann und 1538 mit dem Ausbruch des Monte Nuovo endete. Dabei handelte es sich um den bislang letzten bekannten Ausbruch innerhalb der Phlegräischen Felder.
Stärkere Erdbeben in der Region nicht ausgeschlossen
Giuseppe De Natale betonte, dass das aktuelle Erdbeben weder das letzte noch das stärkste gewesen sein müsse. Nach bisherigen Einschätzungen seien in der Region auch Erdstöße mit einer Magnitude von etwas mehr als 5 möglich.
Für das dicht besiedelte Gebiet könnten selbst Erdbeben dieser Stärke erhebliche Folgen haben. Besonders gefährdet seien ältere Gebäude, Schulen und Teile der Infrastruktur, deren Erdbebensicherheit möglicherweise nicht ausreichend überprüft worden sei.
Der Vulkanologe wies darauf hin, dass einige Schulen nach stärkeren Erdstößen den Unterricht unterbrechen und die Schüler nach Hause schicken. Dies könne darauf hindeuten, dass unklar sei, ob die Schulgebäude einem noch stärkeren Erdbeben standhalten würden.
Auch viele Bewohner von Pozzuoli und den umliegenden Gebieten hätten keine verlässlichen Informationen über den Zustand ihrer Häuser. Sie wüssten nicht, ob die Gebäude mögliche weitere Erdstöße verkraften könnten.
Forscher erinnern an Evakuierungen in den 1970er- und 1980er-Jahren
Während früherer Krisen in den Phlegräischen Feldern griffen die italienischen Behörden zu weitreichenden Sicherheitsmaßnahmen. In den Jahren 1970 und 1984 wurden Teile der Bevölkerung von Pozzuoli zeitweise oder vollständig evakuiert.
Damals führten die seismische Aktivität und die starke Hebung der Erdoberfläche dazu, dass Tausende Menschen aus besonders gefährdeten Gebieten umgesiedelt wurden. Einige Wohnviertel blieben wegen der Einsturzgefahr von Gebäuden über längere Zeit unbewohnt.
De Natale erklärte, die heutige Reaktion staatlicher und lokaler Behörden falle deutlich weniger entschlossen aus. Aus seiner Sicht entsprechen die bisherigen Maßnahmen nicht dem bestehenden Risiko, obwohl die Aktivität des Vulkansystems weiter zunimmt.
Offizielle Stellen verwiesen häufig darauf, dass Erdbeben in den Phlegräischen Feldern bereits früher aufgetreten seien. Die Wiederholung solcher Erdstöße bedeute jedoch nicht, dass die Situation als sicher eingestuft werden könne.
Weitere Entwicklung lässt sich nicht genau vorhersagen
Der Vulkanologe betonte, dass die moderne Wissenschaft weder den Zeitpunkt noch die Stärke des nächsten Erdbebens exakt bestimmen könne. Ebenso lasse sich nicht zuverlässig vorhersagen, ob die derzeitige Aktivitätsphase in einem Ausbruch enden werde.
Nach Angaben De Natales sind verschiedene Entwicklungen möglich. Die Aktivität könnte allmählich wieder abnehmen. Denkbar seien jedoch auch stärkere Erdbeben, eine weitere Hebung des Bodens, zunehmende Gasaustritte oder der Beginn eines Vulkanausbruchs.
Die vergleichsweise ruhigen Monate zuvor könnten bei vielen Bewohnern ein falsches Sicherheitsgefühl ausgelöst haben. Das Rekordbeben der Magnitude 4,7 habe jedoch gezeigt, dass die Spannungen im Vulkansystem nicht verschwunden seien.
De Natale warnte davor, die Gefahr allein anhand der Zahl der Erdstöße innerhalb weniger Wochen oder Monate zu bewerten. Langfristige vulkanische Prozesse könnten unregelmäßig verlaufen und zwischen ruhigeren Phasen und plötzlichen Aktivitätsschüben wechseln.
Ausbruchsrisiko bleibt gering, aber nicht ausgeschlossen
Giuseppe De Natale erklärte, die Wahrscheinlichkeit eines Ausbruchs der Phlegräischen Felder sei kurzfristig weiterhin gering. Vollständig ausschließen lasse sich dieses Szenario jedoch nicht.
Nach Einschätzung des Forschers müssen sich die Behörden auf alle möglichen Entwicklungen vorbereiten, einschließlich besonders schwerer Szenarien. Dazu gehören Überprüfungen von Gebäuden, aktualisierte Evakuierungspläne, vorbereitete Notunterkünfte und eine regelmäßige Information der Bevölkerung.
Die Phlegräischen Felder gehören zu den größten Vulkansystemen Europas. Sie liegen unter dicht besiedelten Gebieten von Pozzuoli und dem Westen Neapels, in denen Hunderttausende Menschen leben.
Anders als der kegelförmige Vesuv bestehen die Phlegräischen Felder aus einer weitläufigen vulkanischen Caldera mit zahlreichen Kratern, Thermalgebieten und Gasaustrittsstellen. Gefährliche Prozesse können deshalb ein großes Gebiet betreffen.
Auch vulkanische Gase stellen eine Gefahr dar
Neben Erdbeben und einem möglichen Ausbruch warnen Wissenschaftler auch vor vulkanischen Gasen. In den Phlegräischen Feldern treten Kohlendioxid, Schwefelwasserstoff und weitere Stoffe aus dem Boden aus.
Besonders gefährlich können sich die Gase in Senken, Kellern und schlecht belüfteten Gebäuden ansammeln. Kohlendioxid ist schwerer als Luft und kann sich daher in Bodennähe sammeln und den Sauerstoff verdrängen.
In einigen Gebieten bei Pozzuoli gelten bereits Einschränkungen für die Nutzung von Keller- und Souterrainräumen. Fachleute messen dort regelmäßig die Gaskonzentration und die Bodentemperatur.
Steigende Gasaustritte können auf Veränderungen im unterirdischen Vulkansystem hinweisen. Ein einzelner Messwert reicht jedoch nicht aus, um daraus unmittelbar einen bevorstehenden Ausbruch abzuleiten.
Gebäude und Infrastruktur werden nach dem Beben kontrolliert
Nach dem Erdbeben der Magnitude 4,7 haben Einsatzkräfte mit der Untersuchung beschädigter Gebäude begonnen. In einigen Gebieten dürfen Bewohner vorübergehend nicht in ihre Wohnungen zurückkehren, bis die technische Überprüfung abgeschlossen ist.
Rettungskräfte beseitigen Fassadenteile von Straßen und überprüfen Schulen, Krankenhäuser und öffentliche Gebäude. Mehrere Straßen in Pozzuoli blieben wegen der Gefahr weiterer Einstürze zeitweise gesperrt.
Die örtlichen Behörden richteten vorübergehende Unterkünfte für Menschen ein, die nicht in ihren Häusern bleiben möchten oder deren Wohnungen beschädigt wurden. Gleichzeitig registrieren Fachleute weiterhin Nachbeben.
Die Phlegräischen Felder werden rund um die Uhr überwacht. Wissenschaftler beobachten die seismische Aktivität, die Hebung der Erdoberfläche, die Temperatur, die chemische Zusammensetzung der Gase und mögliche Druckveränderungen im Vulkansystem.
Auch der nahe gelegene Vesuv steht unter besonderer Beobachtung, nachdem dort zuletzt ebenfalls seismische Aktivität registriert worden war. Hinweise auf einen direkten Zusammenhang zwischen den Vorgängen in beiden Vulkansystemen liegen derzeit nicht vor.
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