Es ist soweit: Weniger als einen Monat vor der Landtagswahl am 8. März 2026 hat die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) gestern den Wahl-O-Mat für Baden-Württemberg freigeschaltet. Für Millionen Wählerinnen und Wähler im „Ländle“ beginnt damit die heiße Phase der politischen Willensbildung. Diese Wahl markiert eine historische Zäsur: Nach 15 Jahren endet die Ära des grünen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann, und das Rennen um seine Nachfolge ist so offen wie nie zuvor.
In Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheit und gesellschaftlicher Polarisierung suchen viele Bürger nach Orientierung. Politische Entscheidungen haben längst nicht mehr nur abstrakte Folgen, sondern wirken sich direkt auf den Geldbeutel der Verbraucher aus – sei es durch Energiekosten, Steuerreformen oder Änderungen im Vertragsrecht. Wer sich beispielsweise über die rechtlichen Rahmenbedingungen für Finanzgeschäfte und Kredite informieren möchte, findet bei Experten wie denen von Bankrecht-Ratgeber.de fundierte Unterstützung, doch die Weichen für solche Gesetze werden im Parlament gestellt. Der Wahl-O-Mat bietet hierfür die erste wichtige Entscheidungsgrundlage.
Das Ende der Ära Kretschmann: Ein neues politisches Zeitalter
Die Landtagswahl 2026 ist keine gewöhnliche Routinewahl. Sie steht im Zeichen eines Generationenwechsels. Die Grünen treten erstmals mit Bundesagrarminister Cem Özdemir als Spitzenkandidat an, der versucht, das schwere Erbe des extrem populären „Landesvaters“ Kretschmann anzutreten. Ihm gegenüber steht der deutlich jüngere Manuel Hagel von der CDU, der in den Umfragen zuletzt Boden gutmachen konnte und die Union zurück in die Staatskanzlei führen will.
Der Wahl-O-Mat 2026 spiegelt diese neue Konstellation wider. Die 38 Thesen, die den Nutzern vorgelegt werden, decken die Bruchlinien zwischen Bewahrung und Erneuerung auf. Es geht nicht mehr nur um die Frage „Grün oder Schwarz“, sondern um fundamentale Richtungsentscheidungen für den Wirtschaftsstandort Baden-Württemberg.
Wie der Wahl-O-Mat 2026 funktioniert
Das Prinzip bleibt auch im Jahr 2026 bewährt, wurde aber technisch verfeinert. Nutzer können sich zu 38 politischen Thesen mit „Stimme zu“, „Stimme nicht zu“ oder „Neutral“ positionieren. Am Ende errechnet der Algorithmus den Grad der Übereinstimmung mit den 21 zur Wahl zugelassenen Parteien.
Neu ist in diesem Jahr die stärkere Gewichtung landesspezifischer Themen. Während in früheren Versionen oft bundespolitische Fragen dominierten, konzentriert sich der aktuelle Wahl-O-Mat stark auf die Kompetenzen des Landes: Bildungspolitik, innere Sicherheit und die Transformation der Automobilindustrie.
Die Kern-Thesen: Worüber der Südwesten streitet
Eine Analyse der Thesen im aktuellen Wahl-O-Mat zeigt deutlich, wo die Konfliktlinien verlaufen:
- Mobilität und Verbrenner-Aus: Ein zentraler Streitpunkt bleibt die Zukunft des Automobils. Während die Grünen und Teile der SPD auf einen schnelleren Ausbau der E-Mobilität und Restriktionen für Verbrenner in Innenstädten drängen, positionieren sich CDU und FDP als Anwälte der „Technologieoffenheit“. Die AfD fordert eine komplette Rückabwicklung der Verbote. Der Wahl-O-Mat fragt konkret ab, ob das Land sich auf Bundesebene für den Erhalt des Verbrennungsmotors einsetzen soll.
- Bildungspolitik (G8 vs. G9): Nachdem die Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium (G9) beschlossen wurde, streiten die Parteien nun über die Umsetzung und Finanzierung. Soll es Ganztagsschulen verpflichtend geben? Wie viel Digitalisierung verträgt das Klassenzimmer? Hier zeigen sich traditionelle Unterschiede zwischen den bürgerlichen und linken Lagern.
- Innere Sicherheit und Migration: Angesichts der bundesweiten Debatten spielt auch die Migrationspolitik eine Rolle. Fragen zur Abschiebung, zur Bezahlkarte für Asylbewerber und zur Ausstattung der Polizei sind prominent vertreten. Manuel Hagel (CDU) versucht hier, mit einem klaren „Law and Order“-Kurs Wähler von der AfD zurückzugewinnen, während Cem Özdemir (Grüne) einen pragmatischen Humanismus vertritt.
- Wohnen und Bauen: In Ballungsräumen wie Stuttgart, Heidelberg oder Freiburg sind die Mieten explodiert. Der Wahl-O-Mat thematisiert Mietpreisbremsen, Enteignungen (ein Thema der Linken) und die Ausweisung neuer Baugebiete auf der „grünen Wiese“, was wiederum im Konflikt mit dem Naturschutz steht.
Premiere: Das neue Zweistimmenwahlrecht
Ein Aspekt, der den Wahlkampf 2026 besonders komplex macht und auch im Informationsangebot des Wahl-O-Mat berücksichtigt wird, ist das neue Wahlrecht. Erstmals wählen die Baden-Württemberger nach einem System, das dem des Bundes ähnelt:
- Erststimme: Für den Direktkandidaten im Wahlkreis.
- Zweitstimme: Für die Landesliste einer Partei.
Bisher gab es im Südwesten nur eine Stimme, was oft zu Verzerrungen und einer Benachteiligung kleinerer Parteien oder bestimmter Regionen führte. Das neue System stärkt die Rolle der Parteien und ihrer Spitzenkandidaten. Für die Wähler bedeutet dies: Sie können strategischer wählen (Splitting). Man kann beispielsweise den CDU-Kandidaten vor Ort unterstützen (Erststimme), aber mit der Zweitstimme die FDP stärken, um eine bürgerliche Koalition zu ermöglichen.
Der Wahl-O-Mat hilft hier indirekt, da er die inhaltliche Nähe zu den Parteien klärt, die nun maßgeblich über die Zweitstimme in den Landtag einziehen.
Analyse der Parteiprogramme im Spiegel des Wahl-O-Mat
Bündnis 90/Die Grünen: Der Verteidigungskampf
Für Cem Özdemir geht es um alles. Die Grünen regieren seit 2011, doch der „Kretschmann-Bonus“ schwindet. Im Wahl-O-Mat zeigen sich die Grünen als Partei der Transformation. Sie setzen auf den massiven Ausbau der Windkraft (auch im Staatswald), eine Verkehrswende mit Vorrang für ÖPNV und Rad, sowie eine diverse Gesellschaftspolitik. Ihr Dilemma: Sie müssen die Wirtschaft mitnehmen, ohne ihre ökologische Basis zu verprellen.
CDU: Zurück zur Macht
Die Union unter Manuel Hagel präsentiert sich im Wahl-O-Mat als „Modernisierer mit Tradition“. Sie fordern Entbürokratisierung für den Mittelstand, eine stärkere Polizei und eine Bildungspolitik, die Leistung wieder in den Mittelpunkt stellt. Auffällig ist die klare Abgrenzung zu den Grünen in der Verkehrspolitik. Die CDU will das Auto nicht verteufeln, sondern „sauberer machen“. Hagels Ziel ist klar: Er will Ministerpräsident werden, notfalls auch in einer Koalition ohne die Grünen (z.B. Deutschland-Koalition mit SPD und FDP).
SPD: Die soziale Stimme
Andreas Stoch und die SPD versuchen, mit den Themen soziale Gerechtigkeit, bezahlbares Wohnen und gebührenfreie Kitas zu punkten. Im Wahl-O-Mat finden sich viele Thesen, die auf eine Entlastung unterer Einkommensschichten abzielen. Die SPD hofft, als „Zünglein an der Waage“ wieder in die Regierung einzutreten – sei es als Juniorpartner der CDU oder in einer Neuauflage von Grün-Rot (was rechnerisch schwierig werden könnte).
FDP: Der Kampf um die Existenz
Für die Liberalen und ihren Spitzenkandidaten Hans-Ulrich Rülke geht es um den Verbleib im Landtag. Die FDP positioniert sich im Wahl-O-Mat als klare Alternative zu „Verbotskultur“. Sie lehnt Tempolimits ab, fordert Steuersenkungen und will die Digitalisierung der Verwaltung radikal vorantreiben. Ihr Profil ist scharf, aber die Konkurrenz im bürgerlichen Lager durch die CDU ist stark.
AfD: Die Fundamentalopposition
Die AfD, die in Umfragen stabil bei rund 20 Prozent liegt, nutzt den Wahl-O-Mat, um ihre bekannten Positionen zu markieren: Stopp der „illegalen Migration“, Rückkehr zur Atomkraft, Ablehnung der „Gender-Sprache“. Mit Markus Frohnmaier an der Spitze tritt die Partei radikaler auf als in früheren Jahren. Der Wahl-O-Mat macht die großen Distanzen zu allen anderen Parteien sichtbar – eine Koalitionsoption ist ausgeschlossen (Brandmauer).
BSW und Kleinparteien
Erstmals tritt auch das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) bei einer Landtagswahl in Baden-Württemberg an. Im Wahl-O-Mat zeigt sich die interessante Mischung aus linksozialer Wirtschaftspolitik und konservativer Gesellschaftspolitik. Das BSW könnte Stimmen von der SPD, der Linken und der AfD abziehen und die Koalitionsarithmetik durcheinanderwirbeln.
Warum der Wahl-O-Mat 2026 wichtiger ist denn je
Die politische Landschaft in Baden-Württemberg zersplittert zunehmend. Die Zeiten, in denen zwei große Volksparteien 80 Prozent der Stimmen auf sich vereinten, sind vorbei. Aktuelle Umfragen von Infratest dimap und INSA deuten auf ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen CDU und Grünen hin, wobei die CDU derzeit leicht die Nase vorn hat.
Diese Pattsituation macht jede Stimme entscheidend. Viele Wähler sind bis kurz vor der Wahl unentschlossen. Der Wahl-O-Mat bietet hier einen rationalen Zugang zur Wahlentscheidung, fernab von Wahlkampfgetöse und Plakatslogans. Er zwingt die Nutzer, sich mit konkreten Sachfragen auseinanderzusetzen, anstatt nur nach Sympathie für Spitzenkandidaten zu entscheiden.
Ein interessantes Detail am Rande: Wie der SPIEGEL in seiner Analyse berichtet, nutzen besonders Erstwähler das Tool intensiv. Da das Wahlalter auf 16 Jahre gesenkt wurde, gibt es eine neue, junge Zielgruppe, die digital affin ist und deren Wahlverhalten die Ergebnisse in den Universitätsstädten Tübingen, Freiburg oder Heidelberg maßgeblich beeinflussen könnte.
Kritik und Grenzen des Tools
Trotz seiner Beliebtheit – bei der letzten Wahl wurde der Wahl-O-Mat über 4 Millionen Mal genutzt – gibt es auch Kritik. Politikwissenschaftler weisen darauf hin, dass die Reduktion komplexer Probleme auf einfache „Ja/Nein“-Antworten der Realität nicht immer gerecht wird. Eine Koalitionsbildung erfordert Kompromisse, die im Wahl-O-Mat nicht abgebildet werden können.
Zudem berücksichtigt der Algorithmus nicht die persönliche Integrität oder die Führungsstärke der Kandidaten. Cem Özdemir und Manuel Hagel haben unterschiedliche Führungsstile, die für das Amt des Ministerpräsidenten genauso wichtig sind wie das Parteiprogramm. Dennoch: Als Einstieg in die politische Debatte ist das Tool unschlagbar.
Der Blick nach vorn: Szenarien für den 8. März
Was sagen uns die Daten des Wahl-O-Mat über den möglichen Wahlausgang? Die hohe Übereinstimmung vieler Nutzer mit der CDU in Fragen der Inneren Sicherheit und Wirtschaft könnte Manuel Hagel in die Karten spielen. Gleichzeitig haben die Grünen bei den Themen Klimaschutz und gesellschaftliche Modernisierung nach wie vor eine starke Basis im städtischen Milieu.
Es zeichnen sich drei Hauptszenarien ab:
- Schwarz-Grün: Die CDU wird stärkste Kraft und führt die Koalition mit den Grünen als Juniorpartner fort. Ein Rollentausch nach 15 Jahren.
- Grün-Schwarz: Özdemir gelingt ein „Last-Minute-Swing“, und die Grünen bleiben knapp vorn.
- Deutschland-Koalition: Sollte es für Schwarz-Grün oder Grün-Schwarz nicht reichen oder die inhaltlichen Differenzen zu groß sein, könnte die CDU ein Bündnis mit SPD und FDP anstreben.
Unabhängig vom Ausgang wird Baden-Württemberg vor großen Herausforderungen stehen. Die Digitalisierung der Verwaltung, die Sanierung der Infrastruktur und die Sicherung des Wohlstands in Zeiten globaler Krisen erfordern eine handlungsfähige Regierung. Der Wahl-O-Mat 2026 ist der erste Schritt für die Bürger, dieser Regierung ein Mandat zu erteilen. Nutzen Sie die kommenden Wochen, um nicht nur zu klicken, sondern auch zu hinterfragen und zu diskutieren. Denn am 8. März zählt jede Stimme – und zwar gleich zwei davon.

