Es ist eine Zahl, die selbst an der Wall Street für Schnappatmung sorgt. 185 Milliarden Dollar. Das ist nicht der Börsenwert eines DAX-Konzerns, sondern die Summe, die Alphabet allein im Jahr 2026 in seine Infrastruktur pumpen will. Für Anleger und Juristen stellt sich die dringende Frage: Ist das visionäres Unternehmertum oder eine Verletzung der kaufmännischen Vorsicht?
Von der Redaktion
In der Welt des Kapitalmarktrechts gibt es den Grundsatz der Business Judgment Rule. Er besagt vereinfacht, dass Vorstände unternehmerische Risiken eingehen dürfen, solange diese auf angemessenen Informationen beruhen und zum Wohle der Gesellschaft dienen. Doch was Alphabet-CEO Sundar Pichai nun verkündet hat, testet die Grenzen dieser Definition. Wie Anlegerschutz-Experten auf Bankrecht-Ratgeber.de immer wieder betonen, korreliert hohes Risiko zwar oft mit hoher Rendite, doch bei Investitionen dieser Größenordnung steht die Substanz des Unternehmens auf dem Spiel.
Der historische Kursschwenk
Wie Bild.de berichtet, plant der Mutterkonzern Alphabet für das Geschäftsjahr 2026 Kapitalausgaben (CapEx) in einer Spanne von 175 bis 185 Milliarden Dollar. Um diese Dimension greifbar zu machen: Das ist mehr als das Doppelte dessen, was das Unternehmen noch 2025 ausgegeben hat (ca. 90 Milliarden Dollar) und übertrifft die Erwartungen der Analysten um Längen.
Das Ziel dieser gigantischen Geldverbrennung ist eindeutig: Die absolute Dominanz im Bereich der Künstlichen Intelligenz (KI). Das Geld fließt primär in:
- Rechenzentren: Der Bau neuer, energiehungriger Serverfarmen weltweit.
- Spezialchips: Die Entwicklung und Beschaffung von TPUs (Tensor Processing Units) und GPUs, um Modelle wie Gemini zu trainieren.
- Energieinfrastruktur: Die Sicherung der gigantischen Strommengen, die für den Betrieb der KI-Modelle notwendig sind.
Anleger zwischen Euphorie und Angst
Die Börse reagierte auf die Ankündigung ambivalent. Zwar übertraf Alphabet im vierten Quartal 2025 die Umsatz- und Gewinnerwartungen, doch die Aktie geriet nachbörslich unter Druck. Der Grund liegt in der Dividenden- und Gewinnmechanik: Jeder Dollar, der in Beton und Silizium fließt, fehlt kurzfristig für Aktienrückkäufe oder Dividenden.
Aus finanzrechtlicher Sicht ist die Situation delikat. Aktionäre könnten argumentieren, dass das Management eine „Überinvestition“ tätigt, getrieben von der Angst (FOMO – Fear Of Missing Out), den Anschluss an Konkurrenten wie OpenAI oder Microsoft zu verlieren. Sollte sich die KI-Blase als weniger profitabel erweisen als erhofft, drohen massive Abschreibungen. Hier greift wieder das Aktienrecht: Ein Vorstand muss sorgfältig abwägen. Handelt Alphabet noch im Rahmen eines vernünftigen unternehmerischen Ermessens, oder wird hier das Kapital der Eigner für ein Wettrüsten ohne garantierten „Return on Investment“ (ROI) eingesetzt?
Kartellrechtliche Alarmglocken
Neben der Anlegerperspektive ruft eine Investitionssumme von 185 Milliarden Dollar zwangsläufig die Wettbewerbshüter auf den Plan. Wenn ein einzelnes Unternehmen mehr Geld in Infrastruktur steckt als das Bruttoinlandsprodukt ganzer Staaten (wie z.B. Ungarn oder die Ukraine), verzerrt das den Markt.
Kleine KI-Startups können bei diesen Summen schlicht nicht mehr mithalten. Dies könnte mittelfristig zu einer Monopolisierung der KI-Infrastruktur führen. Sowohl das US-Justizministerium (DOJ) als auch die EU-Kommission dürften genau beobachten, ob Google diese Marktmacht nutzt, um Wettbewerber aus dem Feld zu drängen – etwa durch exklusive Zugriffe auf Energiekapazitäten oder Hardware-Komponenten.
Ein Spiel ohne Sicherheitsnetz
Für den Tech-Giganten gibt es kein Zurück mehr. Sundar Pichai hat deutlich gemacht, dass er das Risiko einer Unterinvestition als größer einschätzt als das Risiko einer Überinvestition. Das ist eine klassische „Flucht nach vorn“.
Die kommenden Quartale werden zeigen, ob diese Strategie aufgeht. Sollten die KI-Anwendungen (wie die Integration von Gemini in die Google-Suche) nicht schnell genug signifikante neue Umsatzströme generieren, wird der Druck der institutionellen Anleger steigen. Rechtlich gesehen bewegen wir uns auf einem spannenden Terrain: Es ist der wohl teuerste Stresstest für die Geduld von Aktionären in der Geschichte der modernen Wirtschaft. Sollte die Wette scheitern, dürften nicht nur die Kurse fallen, sondern auch die ersten Haftungsklagen gegen die Unternehmensführung geprüft werden. Bis dahin bleibt den Investoren nur, dem Silicon-Valley-Mantra zu vertrauen: „Scale or die.“

