Die Einführung des neuen europäischen Einreise- und Ausreisesystems (Entry/Exit System, kurz EES) hat an den europäischen Außengrenzen erste gravierende Folgen für den Flugverkehr gezeigt. Am vergangenen Wochenende kam es am Flughafen Mailand-Linate zu dramatischen Szenen, als eine britische Fluggesellschaft gezwungen war, den Großteil ihrer gebuchten Fluggäste am Boden zurückzulassen. Für Reisende aus Nicht-EU-Staaten, insbesondere aus dem Vereinigten Königreich, entwickelt sich das eigentlich als Sicherheits- und Effizienzmaßnahme gedachte System derzeit zu einer massiven Geduldsprobe. Neben den emotionalen Belastungen rücken nun vor allem Fragen zu Reiserecht und Entschädigungsansprüchen in den Vordergrund, da viele betroffene Familien auf immensen Zusatzkosten sitzen bleiben. Der Vorfall in Italien verdeutlicht auf drastische Weise, wie unzureichend die infrastrukturelle Vorbereitung an manchen europäischen Drehkreuzen ist.
Wie The Independent berichtet, startete Flug 5420 der Airline easyJet von Mailand nach Manchester mit lediglich 34 von 156 gebuchten Fluggästen an Bord. Die verbleibenden 122 Passagiere steckten während des Abflugs in einer scheinbar endlosen Warteschlange vor den Schaltern der Grenzkontrolle fest. Das neu eingeführte EES-System, das biometrische Daten von Nicht-EU-Bürgern erfasst, führte in Kombination mit organisatorischen Mängeln des Flughafens zu einem völligen Stillstand bei der Abfertigung.
Der Fall der Familie Hume: Stundenlanges Warten trotz Überpünktlichkeit
Ein exemplarisches Bild der Situation zeichnet das Erlebnis von Max und Lynsey Hume sowie ihrem 13-jährigen Sohn Archie. Die Familie aus dem britischen Leeds war aus einem italienischen Skiurlaub auf dem Weg nach Hause. Da sie bereits bei der Einreise eine Woche zuvor über eine Stunde in der Passkontrolle verbringen mussten und easyJet im Vorfeld explizit dazu geraten hatte, großzügige Zeitpuffer einzuplanen, traf die Familie fast drei Stunden vor dem geplanten sonntäglichen Abflug am Terminal in Mailand-Linate ein.
Was als gut organisierte Rückreise begann, endete in einem nervenaufreibenden Stillstand. Gegen 09:15 Uhr erreichte die Familie die Passkontrolle, kam dort jedoch nicht weiter. Das Personal der Grenzwache weigerte sich schlichtweg, Passagiere mit dem Ziel Manchester abzufertigen. Die paradoxe Begründung: Dem Flug war zu diesem Zeitpunkt noch kein konkretes Abfluggate zugewiesen worden. Während Passagiere anderer Flüge – unter anderem nach London – kontinuierlich durchgewunken wurden, standen die Manchester-Reisenden in einer statischen Schlange. Die Situation eskalierte zusehends, als die Temperaturen in der Wartezone anstiegen. Laut Zeugenaussagen kollabierte eine Passagierin beinahe, während sich eine andere Person aufgrund der Überlastung übergeben musste.
Organisatorisches Versagen und biometrische Hürden
Als die Abfertigung der easyJet-Passagiere nach Manchester endlich begann, offenbarte sich das volle Ausmaß der technischen und administrativen Überforderung mit dem neuen EES-System. Obwohl die Familie Hume und viele andere Reisende ihre biometrischen Daten bereits bei der Einreise in der Vorwoche vollständig hinterlegt hatten, forderten die italienischen Grenzbeamten eine erneute Komplettregistrierung. Das bedeutet, dass sowohl die Gesichtserkennung als auch die Abnahme der Fingerabdrücke bei jedem einzelnen Passagier wiederholt wurden. Dies widerspricht eklatant den EU-Richtlinien für das EES, welche besagen, dass bei Folgegrenzübertritten nach der initialen Registrierung beider biometrischer Merkmale in der Regel nur noch eines verifiziert werden muss.
Erschwerend kam hinzu, dass die personelle und technische Ausstattung für diese aufwendige Prozedur völlig unzureichend genutzt wurde. Die Beamten arbeiteten Berichten zufolge zu zweit an einem einzigen Erfassungsgerät. Gleichzeitig standen in unmittelbarer Nähe 16 moderne, automatisierte e-Gates völlig ungenutzt und leer. Das Nadelöhr an der Grenzkontrolle war somit nicht primär das System selbst, sondern eine katastrophale personelle Fehlplanung und die ineffiziente Nutzung der vorhandenen Infrastruktur.
Die Reaktion der Airline: Abflug ohne Passagiere
Während sich das Drama an den Passkontrollen abspielte, lief für die Besatzung des easyJet-Fluges die Zeit ab. Fluggesellschaften unterliegen strengen gesetzlichen Vorschriften, was die maximalen Dienst- und Arbeitszeiten ihrer Crews (Flight Time Limitations) betrifft. Als absehbar wurde, dass die Grenzabfertigung der restlichen 122 Passagiere noch erheblich mehr Zeit in Anspruch nehmen würde, musste eine Entscheidung getroffen werden. Um nicht Gefahr zu laufen, dass die Crew ihre zulässige Arbeitszeit überschreitet und der Flug komplett gestrichen werden muss, entschied sich easyJet für den Abflug mit den wenigen Gästen, die es rechtzeitig durch die Kontrolle geschafft hatten.
Als die zurückgelassenen Passagiere, darunter die Familie Hume, schließlich die Grenzkontrolle passierten, war ihr Flugzeug bereits auf dem Weg nach Großbritannien. Am Gate herrschte Ratlosigkeit. Zunächst wurde den Betroffenen versprochen, ein Bus würde sie zur Gepäckausgabe bringen und Hotelübernachtungen würden organisiert. An der Gepäckrückgabe angekommen, wartete jedoch kein Personal auf die gestrandeten Urlauber. Die Auskünfte am Schalter der Fluggesellschaft fielen ernüchternd aus: Im System waren die 122 Passagiere offiziell als „No-Shows“ (Nicht-Erschienene) registriert. Ein Eingreifen sei nicht mehr möglich.
Finanzielle Folgen: 1.600 Pfund für den Weg nach Hause
Die Fluggesellschaft wies die Schuld für das Debakel vehement von sich. Über den Live-Chat des Unternehmens wurde mitgeteilt, dass die Vorgänge an der Passkontrolle nicht in der Verantwortung der Airline lägen. Als einzige Option bot easyJet eine kostenpflichtige Umbuchung auf den nächsten verfügbaren Flug an. Dieser sollte jedoch erst fünf Tage später stattfinden, zu einem Preis von 110 Pfund pro Person.
Für viele Berufstätige und Familien mit schulpflichtigen Kindern war eine derartige Verzögerung inakzeptabel. Sie waren gezwungen, auf eigene Faust Alternativen zu finden – ein logistischer und finanzieller Albtraum. Eine Prüfung der Zugverbindungen ergab Ticketpreise von 500 Pfund pro Person für eine 24-stündige Heimreise. Eine Einweg-Mietwagenbuchung nach Großbritannien hätte rund 5.000 Pfund gekostet. Letztendlich buchte die Familie Hume Verbindungsflüge über Luxemburg mit einer notgedrungenen Hotelübernachtung. Die Gesamtkosten für diesen alternativen Rückweg beliefen sich auf etwa 1.600 Pfund, was die Limits der Kreditkarten sprengte und die Familie tief erschüttert zurückließ.
Das neue Entry-Exit-System der EU ist erst wenige Tage vor diesem Vorfall in Kraft getreten. Es verpflichtet alle Reisenden aus Drittstaaten, ihre biometrischen Daten an den europäischen Außengrenzen digital erfassen zu lassen. Die Luftfahrtindustrie hatte bereits im Vorfeld Alarm geschlagen. Der europäische Airline-Verband „Airlines for Europe“ forderte die Grenzbehörden unmittelbar nach dem Start auf, das System temporär auszusetzen, sobald die Wartezeiten ein unzumutbares Maß erreichen. Auch der Verband der britischen Versicherer (Association of British Insurers) meldete sich zu Wort und warnte Urlauber eindringlich, dass Standard-Reiseversicherungen die finanziellen Verluste, die durch EES-bedingte Verspätungen und verpasste Flüge entstehen, in der Regel nicht decken. Angesichts der bevorstehenden Hochsaison im Sommer wächst nun die branchenweite Sorge, dass die Bilder aus Mailand-Linate erst der Auftakt für ein beispielloses innereuropäisches Reisechaos gewesen sein könnten, falls die Flughäfen ihre Prozesse nicht drastisch optimieren.

