Berlin. Es ist eine Diskussion, die so alt ist wie die moderne Mediendemokratie selbst: Wie viel Privatsphäre steht einem Spitzenpolitiker in Krisenzeiten zu, und welche symbolische Präsenz wird von ihm erwartet? In Berlin hat diese Frage nach dem massiven Stromausfall im Bezirk Köpenick neue Schärfe erlangt. Im Zentrum der Kritik steht der Regierende Bürgermeister Kai Wegner (CDU), der während der laufenden Entstörungsarbeiten beim Tennisspielen gesehen wurde. Während wir auf Bankrecht-Ratgeber oft die juristischen Aspekte von Verantwortung und Pflichtverletzungen im Berufsleben analysieren, geht es in diesem Fall primär um die moralische und kommunikative Ebene politischer Führung.
Der Vorwurf: Falsche Prioritäten im Krisenmodus?
Der Hintergrund der Aufregung ist ernst: Rund 31 Stunden lang waren Tausende Haushalte und ein Krankenhaus in Berlin-Köpenick ohne Strom. Heizungen fielen aus, die Infrastruktur war lahmgelegt. In genau diesem Zeitfenster, so berichteten Medien und Augenzeugen, widmete sich der Regierungschef dem Tennissport. In den sozialen Netzwerken und Teilen der Opposition sorgte dies für Empörung. Der Tenor der Kritik: Während die Bürger frieren, vergnügt sich der Bürgermeister. Das Bild des „abwesenden Kümmerers“ wurde gezeichnet, ein Image-GAU für jeden Politiker, der sich Bürgernähe auf die Fahnen geschrieben hat.
Die Erwartungshaltung der Öffentlichkeit ist in solchen Momenten oft unerbittlich. Der politische Anführer soll vor Ort sein, Gummistiefel tragen, Betroffenheit zeigen – auch wenn er operativ kaum in das Geschehen eingreifen kann.
Rückendeckung von der Polizeigewerkschaft
In diese aufgeheizte Stimmung platzt nun eine Stimme der Vernunft aus einer Richtung, die mit Krisenszenarien bestens vertraut ist. Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) hat sich demonstrativ vor Kai Wegner gestellt. Der GdP-Bundesvorsitzende Jochen Kopelke wies die Kritik als überzogen zurück und mahnte einen realistischeren Blick auf das Amt an.
„Politiker sind auch Menschen“, betonte Kopelke. Die Vorstellung, dass ein Bürgermeister 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche im Krisenmodus arbeiten müsse, sei nicht nur unrealistisch, sondern auch kontraproduktiv. Entscheidend sei, dass die professionellen Einsatzkräfte – Feuerwehr, Polizei, technisches Hilfswerk und die Techniker der Stromversorger – ihre Arbeit machen können. Diese Profis bräuchten keinen Politiker, der ihnen über die Schulter schaut, sondern verlässliche politische Rahmenbedingungen.
Symbolpolitik vs. Operative Notwendigkeit
Die Verteidigung der GdP stützt sich auf ein Argument, das in der emotionalen Debatte oft untergeht: Arbeitsteilung. Ein Regierender Bürgermeister ist kein Techniker. Seine Aufgabe ist die strategische Koordination und die Sicherstellung, dass alle Ressourcen verfügbar sind. Ob er dies vom Schreibtisch, vom Lagezentrum oder telefonisch vom Rand eines Tennisplatzes aus tut, ist für den Erfolg der Reparaturarbeiten zweitrangig – für die optische Wirkung jedoch entscheidend.
Kopelke argumentierte weiter, dass Politiker Pausen benötigen, um in den entscheidenden Momenten leistungsfähig zu sein. Ein übermüdeter Entscheidungsträger nützt niemandem. Dennoch bleibt der Vorfall ein Lehrstück für politische Kommunikation. In Zeiten permanenter medialer Beobachtung wird jede Freizeitaktivität während einer Notlage zur Zielscheibe. Die Frage, ob Wegner instinktlos handelte oder ob die Kritik eine hysterische Überreaktion ist, wird in Berlin wohl noch einige Tage diskutiert werden, auch wenn in Köpenick längst wieder das Licht brennt.