Die deutsche Chemiebranche gilt traditionell als Frühindikator für die konjunkturelle Großwetterlage, und die Signale, die derzeit aus München kommen, sind alarmierend. Die Wacker Chemie AG, einst gefeierter Star im Bereich der Spezialchemie und Solarsilizium-Herstellung, hat für das Geschäftsjahr 2025 Zahlen vorgelegt, die Investoren und Analysten gleichermaßen aufschrecken lassen. Wie wir auf Bankrecht-Ratgeber regelmäßig betonen, sind Bilanzen nicht nur Zahlenwerke, sondern Spiegelbilder strategischer Entscheidungen und externer Marktfaktoren. Bei Wacker zeigt dieser Spiegel nun ein tiefes Rissmuster: Ein Konzernverlust von rund 800 Millionen Euro markiert einen historischen Tiefpunkt und zwingt das Management zu drastischen Maßnahmen.
Der Absturz in die Verlustzone ist dabei weniger auf das operative Tagesgeschäft zurückzuführen – auch wenn dieses unter der globalen Nachfrageschwäche leidet –, sondern vielmehr auf massive Aufräumarbeiten in der Bilanz. Im Zentrum des Sturms steht dabei die ehemalige Tochter und heutige Beteiligung Siltronic, deren Börsenbewertung zur Belastungsprobe für die Muttergesellschaft geworden ist.
Die Anatomie des 800-Millionen-Lochs
Um das Ausmaß der aktuellen Krise zu verstehen, lohnt ein genauerer Blick auf die Sondereffekte, die das Ergebnis verhagelt haben. Der Umsatz des Konzerns sank um rund vier Prozent auf 5,49 Milliarden Euro – ein Rückgang, der in einem zyklischen Geschäft verkraftbar wäre. Doch unter dem Strich steht ein Nettoverlust, der fast die Milliardengrenze kratzt.
Der Löwenanteil dieses Fehlbetrags resultiert aus nicht zahlungswirksamen Wertberichtigungen. Allein rund 600 Millionen Euro musste Wacker abschreiben. Den größten Einzelposten bildet hierbei die Beteiligung an der Siltronic AG. Wacker hält noch immer rund 30 Prozent an dem Wafer-Hersteller. Da der Aktienkurs von Siltronic im vergangenen Jahr aufgrund der Halbleiterkrise massiv unter Druck geraten ist, zwangen die Rechnungslegungsstandards Wacker nun zu einer Anpassung des Buchwertes. Rund 310 Millionen Euro mussten hier korrigiert werden.
Doch die Bereinigung geht tiefer. Auch die erst 2023 übernommene spanische ADL Biopharma, ein Hoffnungsträger im Bereich der Biotechnologie, wurde um 90 Millionen Euro abgewertet. Hinzu kommen Abschreibungen auf latente Steuern in Deutschland in Höhe von 195 Millionen Euro – ein technischer Vorgang, der jedoch signalisiert, dass das Unternehmen mittelfristig nicht mit sprudelnden Gewinnen am Heimatstandort rechnet, gegen die diese Steuerguthaben verrechnet werden könnten.
„PACE“: Der schmerzhafte Weg zur Effizienz
In der Unternehmenszentrale reagiert man auf diese Zahlen mit dem klassischen Instrumentarium des Krisenmanagements: Kostensenkung. Vorstandschef Christian Hartel hat das Programm „PACE“ ausgerufen, das die Wettbewerbsfähigkeit des Konzerns wiederherstellen soll. Das Ziel ist ambitioniert: Jährlich sollen mehr als 300 Millionen Euro eingespart werden.
Die Kehrseite dieser Medaille betrifft die Belegschaft. Rund 1.500 der weltweit etwa 16.000 Stellen sollen bis Ende 2026 gestrichen werden. Besonders bitter ist dabei, dass der Großteil dieses Abbaus – etwa 1.200 Stellen – auf die deutschen Standorte entfällt, insbesondere auf die Verwaltung und indirekte Bereiche in Burghausen und München.
Hier zeigt sich das Dilemma der deutschen Industrie in aller Schärfe: Während in den Produktionsbereichen oft Fachkräftemangel herrscht, wird in der Administration der Rotstift angesetzt, um die Kostenstrukturen an die internationale Konkurrenz anzupassen. Die Tatsache, dass Wacker bereits im vierten Quartal 2025 eine Rückstellung von 100 Millionen Euro für dieses Programm gebucht hat, zeigt, dass der Vorstand entschlossen ist, die Maßnahmen zügig umzusetzen.
Die Rolle der Energiepolitik
Christian Hartel belässt es jedoch nicht bei interner Selbstkritik. In seinen Ausführungen zur Bilanzvorlage findet sich auch eine deutliche Adresse an die Politik. Die chemische Industrie, als einer der energieintensivsten Sektoren überhaupt, leidet massiv unter den im internationalen Vergleich hohen Strompreisen in Deutschland.
„Damit die Chemiebranche am Standort Deutschland weiterhin eine Zukunft hat, muss auch die Politik handeln“, wird Hartel zitiert. Dies ist mehr als nur Lobbyismus; es ist ein Hilferuf einer Branche, die zunehmend Schwierigkeiten hat, Investitionen am Heimatstandort zu rechtfertigen. Wenn internationale Wettbewerber in den USA oder Asien zu einem Bruchteil der Energiekosten produzieren können, helfen auch die besten Spezialprodukte auf Dauer nicht, um die Margen zu sichern. Die Abschreibung auf die latenten Steuern in Deutschland kann hierbei durchaus als Indiz gelesen werden, dass Wacker die Profitabilität der deutschen Standorte skeptischer einschätzt als noch vor wenigen Jahren.
Siltronic: Vom Goldesel zum Sorgenkind?
Die Beziehung zwischen Wacker und Siltronic ist komplex. Jahrelang war der Wafer-Hersteller die „Cash Cow“ des Konzerns, profitierte vom Boom der Digitalisierung und der unersättlichen Nachfrage nach Mikrochips. Doch der Halbleitermarkt ist notorisch zyklisch. Nach dem Boom während der Pandemie folgte die Ernüchterung: Volle Lager bei den Kunden, sinkende Preise und geopolitische Unsicherheiten drückten auf die Margen.
Dass Wacker nun den Wert seiner Beteiligung in der Bilanz korrigieren muss, informiert unter anderem die Süddeutsche Zeitung in ihrer aktuellen Berichterstattung, ist eine logische Konsequenz dieser Marktentwicklung. Für Wacker stellt sich strategisch die Frage, wie lange man an der signifikanten Minderheitsbeteiligung festhalten will. Einerseits bietet Siltronic Zugang zu einem Zukunftsmarkt, andererseits erhöht die Volatilität des Halbleitersektors das Risikoprofil der Muttergesellschaft erheblich, wie der aktuelle Jahresabschluss schmerzlich beweist.
Paradoxon Börse: Warum Anleger dennoch zugreifen
Wer angesichts eines Rekordverlustes von 800 Millionen Euro einen Absturz der Wacker-Aktie erwartet hätte, sah sich getäuscht. Das Papier reagierte zeitweise sogar mit Kursgewinnen. Dieses Phänomen, im Börsenjargon oft als „Kitchen Sinking“ bezeichnet, ist nicht ungewöhnlich.
Investoren schätzen Klarheit. Indem das Management nun „reinen Tisch“ macht und alle potenziellen Risiken und Wertminderungen in einem einzigen, katastrophalen Geschäftsjahr verbucht, wird die Basis für die Zukunft bereinigt. Die Logik der Märkte lautet: Schlimmer kann es kaum werden. Die massiven Abschreibungen sind „non-cash“, sie belasten also nicht die Liquidität des Unternehmens. Gleichzeitig wird das angekündigte Sparprogramm „PACE“ als Zeichen der Handlungsfähigkeit gewertet. Die Börse handelt bekanntlich die Zukunft, und in dieser sieht man ein schlankeres, von Altlasten befreites Unternehmen, das bei einer erhofften Erholung der Weltkonjunktur ab 2026 wieder profitabel wachsen könnte.
Ausblick: Ein Übergangsjahr mit Risiken
Das Jahr 2026 wird für Wacker Chemie zum Jahr der Wahrheit. Die Umsetzung des Stellenabbaus muss sozialverträglich, aber konsequent erfolgen, um die angepeilten Einsparungen zu realisieren. Gleichzeitig bleibt das Unternehmen abhängig von Faktoren, die es nicht kontrollieren kann: der Erholung der chinesischen Wirtschaft, der Entwicklung der Energiepreise und der Zinswende.
Die „außerordentlichen“ Belastungen sind nun verbucht. Was bleibt, ist die operative Herausforderung. Wacker muss beweisen, dass seine Kerngeschäfte – Silikone für die Bau- und Autoindustrie sowie Polysilizium für die Solarbranche – auch in einem schwierigen Umfeld robust genug sind, um ohne Buchhaltungstricks Geld zu verdienen. Die Geduld der Aktionäre dürfte nach diesem „Horrorjahr“ begrenzt sein.

