Der deutsche Fernsehmarkt ist seit jeher fasziniert von der Figur des Rechtsanwalts. Ob als strahlender Verteidiger der Unschuldigen oder als kühler Stratege in Wirtschaftsprozessen – das Bild der Justiz prägt die mediale Wahrnehmung massiv. Für Fachleute und interessierte Laien, die sich beispielsweise auf unserem Portal Bankrecht-Ratgeber über die harten Fakten der Rechtsprechung informieren, ist der Abgleich zwischen fiktionaler Darstellung und juristischer Realität oft ein spannendes Gedankenspiel. Nun wagt das ZDF einen neuen Vorstoß in dieses Genre und schickt mit „Einfach Elli“ eine Protagonistin ins Rennen, die weniger mit Paragrafenreiterei als mit dem nackten Überleben einer geerbten Kanzlei zu kämpfen hat.
Der Mainzer Sender frischt sein Vorabendprogramm auf und setzt dabei auf eine Mischung aus etablierten Gesichtern und einer „Dramedy“-Struktur, die juristische Fälle mit privatem Chaos verwebt. Im Zentrum steht eine Thematik, die auch im echten Wirtschaftsleben oft für Dramen sorgt: die ungeplante Unternehmensnachfolge und die Sanierung eines maroden Betriebs.
Der Startschuss im Februar: Ein neuer Slot für die Justiz
Lange wurde spekuliert, wann das ZDF die bereits angekündigte Produktion ausstrahlen würde. Nun ist die Katze aus dem Sack. Die Serie, die ursprünglich unter dem Arbeitstitel „Ein Fall für Dr. Abel“ lief, hat nicht nur einen neuen, zugänglicheren Namen erhalten, sondern auch einen konkreten Sendeplatz. Ab Ende Februar wird der Donnerstagabend im Zweiten wieder zum Schauplatz für rechtliche Auseinandersetzungen, wenn auch in einer tonal leichteren Verpackung als beim klassischen Krimi.
Der Donnerstagstermin um 19:25 Uhr ist traditionell ein hart umkämpfter Slot, auf dem das Publikum leichte Unterhaltung mit Anspruch erwartet. „Einfach Elli“ tritt hier die Nachfolge oder Ergänzung zu langjährigen Formaten an und muss sich gegen starke Konkurrenz behaupten. Die Entscheidung des Senders, eine Anwaltsserie in den Fokus zu rücken, zeugt von dem Vertrauen in das Genre „Legal Drama“, das in Deutschland – anders als in den USA – oft eher stiefmütterlich oder sehr krimilastig behandelt wurde. Hier geht es jedoch explizit nicht um Mord und Totschlag, sondern um das Zivilrecht, kleine Leute und große Sorgen.
Klara Deutschmann in der Robe: Profil einer ungewollten Chefin
Die Titelrolle übernimmt Klara Deutschmann, eine Schauspielerin, die dem Fernsehpublikum bereits aus diversen Produktionen (u.a. „Charité“, „Hubert und Staller“) bekannt ist. In „Einfach Elli“ verkörpert sie die Anwältin Elli Vogel. Die Ausgangslage der Serie ist klassischer Stoff für juristische Albträume: Elli hatte eigentlich ganz andere Pläne für ihre Karriere, findet sich aber plötzlich in der Verantwortung für die Kanzlei ihres Vaters wieder.
Doch es ist kein glanzvolles Erbe, das sie antritt. Die Kanzlei ist nicht etwa ein florierendes Unternehmen mit Mandanten aus der Hochfinanz, sondern ein Sanierungsfall. Das „Erbe“ besteht in erster Linie aus Chaos, offenen Forderungen und einer Struktur, die dringend modernisiert werden muss. Dies spiegelt eine Realität wider, die vielen Juristen bekannt ist: Die Übernahme einer bestehenden Kanzlei ist oft mit erheblichen Risiken verbunden, von der Haftung für Altlasten bis hin zur Bindung des bestehenden Mandantenstamms. Deutschmanns Figur muss also nicht nur juristische Fälle lösen, sondern sich auch als Managerin wider Willen beweisen.
An ihrer Seite agiert ein Cast, der für Serienfans einige Überraschungen bereithält. Besonders bemerkenswert ist die Besetzung der Assistentin. Hier greift das ZDF auf ein Gesicht zurück, das viele noch aus der Serie „Der Lehrer“ oder internationalen Produktionen wie „Barbaren“ kennen: Jeanne Goursaud. Die Chemie zwischen der Anwältin und ihrem Team dürfte ein zentraler Motor der Handlung sein, wobei die Reibungspunkte zwischen der neuen Chefin und den alten Strukturen vorprogrammiert sind.
Das Narrativ der „Anwältin der kleinen Leute“
Inhaltlich positioniert sich „Einfach Elli“ offenbar bewusst als Gegenentwurf zu den glatten Hochglanz-Kanzleien, die man aus US-Serien wie „Suits“ kennt. Elli Vogel ist keine Anwältin, die Fusionen von DAX-Konzernen begleitet. Ihre Fälle kommen direkt „von der Straße“. Das ZDF beschreibt den Ansatz so, dass Elli Mandanten vertritt, die sich eigentlich keinen Anwalt leisten können oder von anderen Kanzleien abgelehnt wurden.
Dieses Motiv der „Robin Hood“-Juristin ist dramaturgisch dankbar, da es eine hohe emotionale Fallhöhe garantiert. Es erlaubt den Drehbuchautoren, soziale Themen aufzugreifen – von Mietstreitigkeiten über ungerechtfertigte Kündigungen bis hin zu Kleinkriegen am Gartenzaun. Für den Zuschauer bietet dies Identifikationspotenzial, da die verhandelten Fälle oft näher an der eigenen Lebenswirklichkeit sind als abstrakte Wirtschaftsprozesse.
Gleichzeitig wirft dieses Konzept interessante Fragen zur ökonomischen Tragfähigkeit einer Kanzlei auf. Eine Anwältin, die vornehmlich mittellose Mandanten vertritt und gleichzeitig versucht, eine insolvenzgefährdete Kanzlei zu retten, steht vor einem massiven wirtschaftlichen Dilemma. Wie die Serie diesen Konflikt zwischen moralischem Anspruch („Recht für alle“) und ökonomischer Notwendigkeit („Rechnungen müssen bezahlt werden“) löst, wird einer der spannenden Aspekte der ersten Staffel sein. Hier berichtet fernsehserien.de detailliert über die geplante Ausstrahlungsreihenfolge und die Hintergründe zur Produktion, die bereits im Jahr 2023 gedreht wurde.
Kanzleiübernahme als TV-Drama: Realitätscheck
Aus der Perspektive des Bank- und Wirtschaftsrechts ist das Szenario der Serie durchaus analytisch interessant. Die Situation, in der sich die Protagonistin befindet, ist ein klassischer Fall einer „Distressed M&A“-Situation im Kleinen (Mergers & Acquisitions in der Krise). Die Übernahme einer freiberuflichen Praxis, die wirtschaftlich am Boden liegt, erfordert im echten Leben knallharte Entscheidungen:
- Haftungsfragen: Tritt der Nachfolger in die Verbindlichkeiten des Vorgängers ein? In der Realität regelt dies unter anderem § 613a BGB (Betriebsübergang) oder spezifische haftungsrechtliche Normen im HGB, sofern die Kanzlei kaufmännisch organisiert ist.
- Personalverantwortung: Elli Vogel muss sich mit dem bestehenden Personal arrangieren. In der Serie wird dies durch die Figur des mürrischen, aber loyalen Mitarbeiters oder der flippigen Assistentin dargestellt. Im echten Leben bedeuten Personalkosten oft den größten Block in der Bilanz einer Dienstleistungsfirma.
- Mandantenbindung: Ein Anwalt ist eine Vertrauensperson. Wenn der Vater ausfällt und die Tochter übernimmt, ist es keineswegs garantiert, dass die Mandanten bleiben. Dieser Kampf um Vertrauen ist ein zentrales Element der Serie.
Die Serie dramatisiert diese Aspekte natürlich zugunsten der Unterhaltung. Dennoch bietet sie einen Einblick in die Tatsache, dass eine Anwaltskanzlei eben nicht nur ein Ort der Rechtsprechung, sondern auch ein Wirtschaftsunternehmen ist, das scheitern kann.
Die Besetzung: Ein Wiedersehen mit bekannten Gesichtern
Neben Klara Deutschmann setzt das ZDF auf ein Ensemble, das die verschiedenen Generationen und Konfliktlinien der Serie abbildet. Helmfried von Lüttichau, vielen Zuschauern unvergessen als „Staller“ aus „Hubert und Staller“, übernimmt die Rolle des Vaters. Diese Besetzung ist ein kleiner Coup. Von Lüttichau hat sich zwar aus dem Vorabend-Krimi verabschiedet, kehrt nun aber in einer Rolle zurück, die ihm Raum für seine tragikomischen Qualitäten geben dürfte. Als Vater, der seiner Tochter eine marode Kanzlei hinterlässt, ist er der Auslöser der Handlung, auch wenn er vermutlich nicht mehr aktiv ins Geschehen eingreift.
Die Verbindung zwischen Deutschmann und von Lüttichau (beide haben eine „Hubert und Staller“-Vergangenheit, wenn auch zu unterschiedlichen Zeiten) schafft eine interessante Meta-Ebene für Serienfans. Dazu kommt der österreichische Kabarettist und Schauspieler Alexander Jagsch, der als Gegenspieler oder Kollege fungieren könnte. Solche Besetzungen sind entscheidend für den Erfolg einer Vorabendserie, da das Publikum oft wegen der Charaktere einschaltet und weniger wegen der juristischen Finesse der Fälle.
Produktionshintergründe: Lange Wartezeit
Interessant ist der zeitliche Ablauf der Produktion. Die Dreharbeiten fanden bereits im Frühjahr und Sommer 2023 in Berlin und Umgebung statt. Dass zwischen Drehschluss und Ausstrahlung fast zwei Jahre liegen, ist für eine Vorabendserie ungewöhnlich, aber nicht beispiellos. Es deutet oft auf strategische Platzierungen im Programmplan hin oder auf umfangreiche Postproduktionsprozesse.
Produziert wurde die Serie von der ODEON Fiction GmbH, einer Produktionsfirma, die für solide, massentaugliche Unterhaltung bekannt ist („Ein Fall für zwei“, „Der Staatsanwalt“). Dies lässt darauf schließen, dass „Einfach Elli“ handwerklich auf dem gewohnt hohen Niveau der Freitagskrimis angesiedelt sein wird, auch wenn sie am Donnerstag läuft. Die Regie übernahmen unter anderem Markus Bräutigam und Andrea Katzenberger, während die Drehbücher von einem Autorenteam stammen, das sich auf emotionale Stoffe mit Witz spezialisiert hat.
Der Trend zur „Dramedy“ im deutschen Fernsehen
Mit „Einfach Elli“ bedient das ZDF einen Trend, der sich langsam auch im öffentlich-rechtlichen Rundfunk durchsetzt: Die Vermischung von Drama und Comedy, kurz „Dramedy“. Während früher strikt zwischen ernstem Krimi und reiner Comedy getrennt wurde, sind die Grenzen heute fließend. Das Leben einer Anwältin bietet dafür die perfekte Bühne. Ernste Fälle können mit skurrilen Situationen im Büroalltag gebrochen werden.
Dieser Stilbruch ist notwendig, um jüngere Zielgruppen zu erreichen, die mit linearen Formaten oft fremdeln. Eine Serie muss heute „menscheln“, sie muss Charaktere mit Ecken und Kanten zeigen, die scheitern dürfen. Elli Vogel scheint genau so angelegt zu sein: Kompetent im Gerichtssaal, aber überfordert mit dem Erbe und den zwischenmenschlichen Verwicklungen.
Was erwartet den Zuschauer konkret?
Die ersten Episoden werden voraussichtlich die Etablierung des „Status Quo“ behandeln: Ellis Übernahme der Kanzlei, die Konfrontation mit den Schulden und die ersten „unmöglichen“ Fälle. Titel wie „Die neue Chefin“ oder „Erbe wider Willen“ (fiktive Beispiele) würden ins Schema passen. Es ist davon auszugehen, dass pro Folge ein Fall abgeschlossen wird (Case-of-the-Week-Struktur), während sich die horizontale Erzählweise (die Rettung der Kanzlei, das Privatleben von Elli) über die gesamte Staffel zieht.
Für den Zuschauer bedeutet dies leichte, aber nicht seichte Unterhaltung. Man darf gespannt sein, wie tief die Serie tatsächlich in juristische Details eintaucht oder ob das Rechtssystem eher als Kulisse für zwischenmenschliche Dramen dient.
Ausblick: Hat Elli das Zeug zum Dauerbrenner?
Der Erfolg von „Einfach Elli“ wird maßgeblich davon abhängen, ob es Klara Deutschmann gelingt, die Sympathien der Zuschauer zu gewinnen. Der Sendeplatz am Donnerstagabend bietet eine große Bühne, birgt aber auch das Risiko, im Schatten der etablierten Krimi-Marken übersehen zu werden. Sollte die Mischung aus juristischem Alltag, finanziellem Überlebenskampf und familiären Altlasten den Nerv des Publikums treffen, könnte dem ZDF ein neuer Langläufer ins Haus stehen. Die Thematik der Kanzlei in Schieflage bietet zumindest genug Stoff für viele Staffeln – denn rechtliche Probleme und finanzielle Sorgen gehen den Menschen bekanntlich nie aus.

