Der Winter 2026 verlangt der deutschen Energieinfrastruktur alles ab. Während in den Wohnzimmern die Heizungen laufen und die Industrie ihre Produktion aufrechterhält, spielen sich im Untergrund kritische Szenarien ab. Die Füllstände der deutschen Gasspeicher sind schneller gesunken als in vielen Prognosen angenommen und haben nun eine Marke erreicht, die Experten Sorgenfalten auf die Stirn treibt. Es geht nicht mehr nur um die bloße Menge des verfügbaren Erdgases, sondern um ein physikalisches Problem, das oft übersehen wird: den Entnahmedruck.
Die Nachrichtenlage auf dem Energiemarkt hat sich in den letzten Tagen spürbar angespannt. Für Verbraucher und Unternehmen, die auf eine stabile Versorgung angewiesen sind, lohnt sich ein genauer Blick auf die aktuellen Daten. Auch unser Team vom Bankrecht Ratgeber analysiert die Situation fortlaufend, da Engpässe im Energiesektor nicht nur physikalische, sondern oft weitreichende vertragsrechtliche und finanzielle Konsequenzen für Endkunden haben können. Wenn Versorger in Bedrängnis geraten, sind Preisanpassungsklauseln und Sonderkündigungsrechte schnell das dominierende Thema in der Rechtsberatung.
Die 40-Prozent-Marke: Mehr als nur eine Zahl
Dass Gasspeicher sich im Laufe eines Winters leeren, ist der Normalzustand. Dafür wurden sie gebaut: als Puffer, um die Differenz zwischen dem stetigen Import und dem stark schwankenden Verbrauch in der kalten Jahreszeit auszugleichen. Doch die Geschwindigkeit, mit der sich die Kavernen und Porenspeicher in diesem Jahr leeren, ist alarmierend. Das Unterschreiten der 40-Prozent-Marke Ende Januar sendet ein Warnsignal an die Märkte.
Das Problem liegt hierbei nicht primär darin, dass das Gas morgen „alle“ sein könnte. Deutschland verfügt über diversifizierte Importrouten, von Pipeline-Gas aus Norwegen bis hin zu LNG-Lieferungen über die Terminals an der Nord- und Ostseeküste. Die Herausforderung ist technischer Natur. Ein Gasspeicher ist kein einfacher Wassertank, bei dem der Hahn bis zum letzten Tropfen voll aufgedreht bleiben kann.
Wie die Berliner Zeitung berichtet, wird bei sinkenden Füllständen der abnehmende Gasdruck zum entscheidenden Nadelöhr („Flaschenhals“). Dies ist ein physikalisches Gesetz, das sich nicht wegdiskutieren lässt: Je weniger Gas im Speicher ist, desto geringer ist der Druck, mit dem es herausgepresst werden kann. Die sogenannte Ausspeicherleistung sinkt. Das bedeutet im Klartext: Selbst wenn noch Gas da ist, kann es bei einer extremen Kältewelle möglicherweise nicht schnell genug ins Netz eingespeist werden, um Bedarfsspitzen zu decken.
Das physikalische Limit: Arbeitsgas und Kissengas
Um die Brisanz der aktuellen Lage zu verstehen, muss man tiefer in die Funktionsweise der Speichertechnologie eintauchen. Man unterscheidet grob zwischen zwei Speichertypen: Kavernen- und Porenspeicher.
Kavernenspeicher sind riesige Hohlräume in Salzstöcken. Sie reagieren sehr flexibel und können schnell be- und entladen werden. Porenspeicher hingegen nutzen die winzigen Hohlräume in porösem Gestein, oft in ehemaligen Erdgaslagerstätten. Sie sind träger. Beiden gemein ist das Prinzip des „Kissengases“. Ein erheblicher Teil des Gases im Speicher dient gar nicht dem Verkauf, sondern nur dazu, den Mindestdruck aufrechtzuerhalten, damit die geologische Formation stabil bleibt und das eigentlich nutzbare Gas – das „Arbeitsgas“ – überhaupt gefördert werden kann.
Wenn nun von Füllständen unter 40 Prozent die Rede ist, bezieht sich dies auf das Arbeitsgas. Doch je näher wir dem Boden des „nutzbaren“ Bereichs kommen, desto schwächer wird der natürliche Förderdruck. Technisch kann man zwar mit Kompressoren nachhelfen, aber auch diese Technik hat Grenzen. Sinkt der Füllstand weiter, verringert sich die maximale Menge, die pro Stunde entnommen werden kann, drastisch. In einem Szenario, in dem Ende Februar oder Anfang März noch einmal sibirische Kälte über Deutschland hereinbricht („Dunkelflaute“ mit wenig Wind- und Solarstrom, also hohem Gasbedarf für Kraftwerke und Heizungen), könnte diese reduzierte Entnahmeleistung dazu führen, dass die Nachfrage das Angebot kurzzeitig übersteigt – trotz gefüllter Importleitungen.
Marktmechanismen und Preissignale: Die Reaktion der Börsen
Die Märkte reagieren auf solche physikalischen Realitäten oft nervös. Am virtuellen Handelspunkt TTF (Title Transfer Facility) in den Niederlanden, der als Benchmark für den europäischen Gaspreis gilt, werden solche Risiken sofort eingepreist. Händler wissen: Wenn die Speicher leerlaufen, muss das Gas „just in time“ beschafft werden. Das macht Europa erpressbarer gegenüber kurzfristigen Lieferausfällen auf dem Weltmarkt, sei es durch Wartungsarbeiten in Norwegen oder Streiks in australischen LNG-Anlagen.
Für den Verbraucher kommt diese Entwicklung mit Verzögerung, aber sie kommt. Viele Energieversorger haben ihre Beschaffungsstrategien zwar nach der Energiekrise 2022 angepasst und kaufen langfristiger ein. Dennoch schlagen Spotmarktpreise früher oder später auf die Tarife durch. Ein niedriger Speicherstand im Januar bedeutet auch, dass die Wiederauffüllung im kommenden Sommer teurer und schwieriger werden könnte. Die Ausgangslage für den Winter 2026/27 verschlechtert sich also bereits jetzt. Das ist der Zyklus der Energiemärkte: Die Probleme von heute sind die Preiserhöhungen von morgen.
Die Rolle der LNG-Terminals als Rettungsanker
In dieser angespannten Lage richten sich alle Augen auf die schwimmenden und festen LNG-Terminals in Wilhelmshaven, Brunsbüttel, Stade und Lubmin. Sie fungieren als „Durchlauferhitzer“ für das deutsche Gasnetz. Anders als Speicher können sie kontinuierlich Gas einspeisen, solange Schiffe anlanden.
Die Strategie der Bundesregierung war es, durch den massiven Ausbau dieser Infrastruktur die Abhängigkeit von den Speichern etwas zu verringern. Doch auch hier gibt es Risiken. Wetterbedingte Probleme bei der Anlandung, technische Störungen oder schlichtweg der globale Wettbewerb um LNG-Ladungen können den Fluss ins Stocken bringen. Wenn dann die Speicher als Puffer („Swing Supplier“) aufgrund mangelnden Drucks ausfallen, wird das System fragil. Die Terminals müssen derzeit unter Volllast laufen, um das Defizit aus den Speichern zu kompensieren. Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit und die Thermometer.
Rechtliche Implikationen für Verbraucher
Was bedeutet dieses Szenario nun konkret für den Endkunden? Aus der Perspektive des Bank- und Verbraucherrechts ergeben sich mehrere relevante Aspekte.
Erstens: Versorgungssicherheit ist gesetzlich verankert. Im Rahmen des „Notfallplan Gas“ gibt es klare Priorisierungen. Haushaltskunden gehören zu den geschützten Kunden. Das bedeutet, bevor in einer Privatwohnung die Heizung kalt bleibt, muss die Industrie ihren Verbrauch drosseln. Dieses Schutzversprechen ist robust, aber es schützt nicht vor Preissprüngen.
Zweitens: Preisanpassungen. Sollten Versorger aufgrund der Knappheit gezwungen sein, teures Gas am Spotmarkt nachzukaufen, könnten sie versuchen, diese Kosten weiterzureichen. Hier ist Vorsicht geboten. Nicht jede Preiserhöhung ist rechtens. Verbraucher sollten genau prüfen, ob ihr Vertrag eine Preisgarantie enthält und ob die Ankündigungsfristen eingehalten wurden. Ein Verweis auf „gestiegene Beschaffungskosten“ muss transparent belegt werden.
Drittens: Sonderkündigungsrechte. Bei jeder Preiserhöhung haben Kunden ein Sonderkündigungsrecht. In einer Situation, in der alle Anbieter die Preise anziehen, ist ein Wechsel jedoch nicht immer die günstigste Option. Es empfiehlt sich, die Vergleichsportale genau zu beobachten, aber nicht panisch zu agieren.
Geopolitische Dimension: Das europäische Netz
Deutschland ist keine Energie-Insel. Das deutsche Gasnetz ist das Herzstück der europäischen Versorgung. Nachbarländer wie Österreich, Tschechien oder die Schweiz sind teilweise davon abhängig, dass Gas durch Deutschland fließt oder aus deutschen Speichern entnommen wird. Ein Druckabfall in den deutschen Speichern ist somit ein europäisches Problem.
Die EU-Gasspeicherverordnung schreibt bestimmte Füllstände zu bestimmten Stichtagen vor. Das Ziel, am 1. Februar noch eine gewisse Reserve zu haben, wackelt bedenklich. Sollte Deutschland seine Exportverpflichtungen nicht erfüllen können oder sollten Nachbarländer verstärkt Gas abziehen, verschärft sich die inländische Knappheit. Solidaritätsabkommen sollen hier eigentlich regeln, wer wem im Notfall hilft, doch die technische Realität des Gasdrucks schert sich nicht um politische Verträge. Wenn der Druck weg ist, fließt nichts mehr – egal was im Vertrag steht.
Ausblick: Das Wetter als Zünglein an der Waage
Prognosen sind in diesem Umfeld schwierig. Meteorologen weisen darauf hin, dass der Polarwirbel derzeit instabil ist, was die Wahrscheinlichkeit für späte Kälteeinbrüche erhöht. Ein kalter März wäre das denkbar schlechteste Szenario für die aktuelle Speicherfüllstandskurve.
Die Netzbetreiber und die Bundesnetzagentur appellieren daher erneut an die Sparsamkeit. Jede Kilowattstunde Gas, die jetzt nicht verbraucht wird, bleibt im Speicher und hält den Druck etwas länger oben. Es ist eine Situation, die zeigt, dass die Energiekrise nicht „vorbei“ ist, sondern in eine neue, chronische Phase eingetreten ist, in der das Management von Mangel und physikalischen Grenzen zum Alltag gehört. Die Infrastruktur ist auf Kante genäht. Solange keine neuen, massiven Speicherkapazitäten oder alternative Energiequellen im großen Stil zur Verfügung stehen, bleibt jeder Winter ein gewisses Vabanquespiel.
Die kommenden Wochen werden entscheidend sein. Bleibt es mild, kommen wir mit einem blauen Auge und leeren, aber intakten Speichern in den Frühling. Dreht der Wind auf Ost, könnte das Thema „Gasdruck“ schnell von den Wirtschaftsseiten auf die Titelseiten rücken.

