Die Zeit der diplomatischen Zurückhaltung ist vorbei. Mit der Rückkehr Donald Trumps auf die Weltbühne sieht sich die Europäische Union einer existenziellen Herausforderung gegenüber, die weit über bloße Handelsbilanzen hinausgeht. Es droht ein Wirtschaftskrieg, der die Grundfesten des transatlantischen Bündnisses erschüttern könnte. Solche geopolitischen Verwerfungen haben unmittelbare Folgen für die Stabilität der Finanzmärkte und die Rechtssicherheit von Unternehmen, Themen, die wir auf unserem Portal im Hinblick auf ihre ökonomischen Auswirkungen stetig analysieren.
Die Illusion, man könne den US-Präsidenten durch Charmeoffensiven oder individuelle Deals zähmen, ist in den europäischen Hauptstädten weitgehend verflogen. Trumps Ankündigung pauschaler Zölle und seine offene Verachtung für multilaterale Institutionen zwingen die EU dazu, ihre Rolle in der Welt neu zu definieren. Es geht nicht mehr nur um den Export von Automobilen oder Stahl, sondern um die Frage, ob Europa als souveräner Akteur bestehen kann oder zum Spielball der Großmächte degradiert wird.
Das Ende der Naivität
Jahrelang verließ sich Europa auf den amerikanischen Schutzschirm und die offenen Märkte. Doch diese Gewissheiten schwinden. Experten mahnen, dass die Antwort auf Trumps „America First“ nur ein geschlossenes und hartes „Europe United“ sein kann. Wie die taz in einer aktuellen Analyse der Lage berichtet, muss sich Europa von der Vorstellung verabschieden, im Windschatten der USA segeln zu können, und stattdessen eigene, schmerzhafte Gegenmaßnahmen vorbereiten.
Dies bedeutet konkret: Die EU muss bereit sein, Vergeltungszölle nicht nur anzudrohen, sondern auch strategisch dort einzusetzen, wo sie der US-Wirtschaft politisch wehtun. Die Zeiten, in denen man auf Vernunft im Weißen Haus hoffte, scheinen endgültig vorbei. Die Strategie der Europäischen Kommission verlagert sich daher von der Deeskalation hin zur Abschreckung. Man will Trump in der einzigen Sprache begegnen, die er respektiert: der Sprache der Macht und des ökonomischen Drucks.
Einigkeit als schärfste Waffe
Das größte Risiko für Europa liegt jedoch nicht in Washington, sondern in den eigenen Reihen. Die Versuchung für einzelne Mitgliedsstaaten, bilaterale Sonderabkommen mit Trump zu schließen und so die europäische Solidarität zu untergraben, ist immens. Trump weiß diese Bruchlinien meisterhaft zu bespielen, indem er Länder gegeneinander ausspielt – etwa durch das Angebot von Ausnahmen für bestimmte nationale Industrien im Tausch gegen politische Loyalität.
Die kommenden Monate werden zeigen, ob die Europäische Union über die institutionelle Reife verfügt, diesem Spaltungsversuch zu widerstehen. Es bedarf einer radikalen Neuausrichtung der Industriepolitik und einer Stärkung des Binnenmarktes, um die Abhängigkeit von den USA zu verringern. Die Debatte darüber, wie viel „Souveränität“ sich Europa leisten kann und will, wird nicht mehr in akademischen Zirkeln geführt, sondern unter dem massiven Druck realpolitischer Erpressungsversuche. Ob der alte Kontinent die Kraft aufbringt, dem Druck aus Übersee standzuhalten, bleibt die entscheidende Frage dieses politischen Winters.

