Der Leverkusener Agrar- und Pharmariese steht an einem kritischen Wendepunkt. Während der Aktienkurs unter Druck bleibt und Rechtsstreitigkeiten in den USA Ressourcen binden, richtet sich der Blick der Investoren nun auf das Kerngeschäft: die Entwicklung neuer Medikamente. Bayer muss beweisen, dass die eigene Forschungspipeline stark genug ist, um drohende Umsatzlücken zu schließen.
In der Welt der Finanzmärkte und Unternehmensbewertungen, über die wir auf Bankrecht Ratgeber regelmäßig im Kontext von Anlegerschutz und Marktentwicklungen berichten, zählt am Ende nur die nackte Zahl. Für Bayer sehen diese Zahlen derzeit herausfordernd aus. Das Unternehmen kämpft an mehreren Fronten, doch das drängendste Problem jenseits der Glyphosat-Klagen ist das sogenannte „Patent Cliff“. Wichtige Umsatzbringer verlieren bald ihren Exklusivschutz, was das Management dazu zwingt, die Flucht nach vorn anzutreten und die eigene Innovationskraft unter Beweis zu stellen.
Das drohende Ende der Blockbuster-Ära
Jahrelang konnte sich Bayer auf zwei Garanten für sprudelnde Gewinne verlassen: den Gerinnungshemmer Xarelto und das Augenmedikament Eylea. Diese beiden Produkte spülten Milliarden in die Kassen und stabilisierten die Bilanz, selbst als die Übernahme von Monsanto das Agrargeschäft belastete. Doch dieser Schutzwall bröckelt. Wie die Tagesschau in ihrer Analyse berichtet, laufen die Patente für diese Schlüsselmedikamente in naher Zukunft aus.
Für Pharmaunternehmen ist dies ein klassisches, aber gefährliches Szenario. Sobald der Patentschutz fällt, fluten günstige Generika den Markt, und die Umsätze mit dem Originalpräparat brechen oft innerhalb weniger Monate dramatisch ein. Analysten fordern daher seit geraumer Zeit Antworten darauf, wie Bayer diese entstehende Lücke füllen will. Das Management steht unter immensem Druck, nicht nur Visionen zu verkaufen, sondern greifbare klinische Daten zu präsentieren, die auf neue Blockbuster hindeuten.
Hoffnungsträger Elinzanetant: Ein Markt mit Potenzial
Um die skeptischen Marktteilnehmer zu überzeugen, hat Bayer kürzlich tiefere Einblicke in seine Forschungspipeline gewährt. Im Fokus steht dabei unter anderem der Wirkstoff Elinzanetant. Dieses Medikament zielt auf die Behandlung von Beschwerden in den Wechseljahren ab – ein Marktsegment, das demographisch bedingt weltweit wächst, aber bisher oft nur mit hormonellen Therapien bedient wurde, die nicht für alle Patientinnen geeignet sind.
Das Medikament wird als nicht-hormonelle Alternative positioniert, was ihm ein Alleinstellungsmerkmal verschaffen könnte. Die Hoffnung in Leverkusen ist groß, dass Elinzanetant das Potenzial hat, die Umsatzverluste der alten Garde zumindest teilweise aufzufangen. Neben der Gynäkologie setzt der Konzern auch weiterhin auf den Bereich der Kardiologie und Onkologie, um das Portfolio zu diversifizieren.
Die Skepsis der Börse bleibt bestehen
Trotz der optimistischen Präsentationen aus der Forschungsabteilung reagiert der Kapitalmarkt bisher verhalten. Das Vertrauen in die Strategie des Konzerns hat in den letzten Jahren gelitten. Investoren schauen nicht mehr nur auf die wissenschaftliche Machbarkeit, sondern kalkulieren das Risiko von Verzögerungen bei der Zulassung und die potenzielle Marktdurchdringung strikt durch.
Ein vielversprechendes Medikament in der Phase-III-Studie ist noch kein garantierter Umsatz. Die Geschichte der Pharmaindustrie ist reich an Beispielen, in denen Hoffnungsträger auf den letzten Metern scheiterten oder die kommerziellen Erwartungen nicht erfüllen konnten. Für Bayer geht es in den kommenden Monaten also nicht nur um medizinische Forschung, sondern um die Rückgewinnung von Glaubwürdigkeit bei institutionellen Anlegern. Ob die aktuelle Pipeline ausreicht, um den Kurs nachhaltig zu drehen, wird sich erst zeigen, wenn die ersten Zulassungen erteilt sind und die Verkaufszahlen die Prognosen bestätigen.

