Die Bundesregierung steht vor einer sicherheitspolitischen Zäsur. Anfang Mai 2026 bestätigte Bundeskanzler Friedrich Merz in der ARD-Sendung „Caren Miosga“, dass die 2024 von US-Präsident Joe Biden zugesagte Stationierung von Tomahawk-Marschflugkörpern in Deutschland vorerst nicht stattfinden wird. Die Begründung: Washington verfüge selbst nicht über ausreichende Bestände. Gleichzeitig ordnete das US-Verteidigungsministerium den Abzug von 5.000 Soldaten aus Deutschland an – ein Schritt, der weithin als Reaktion auf die Iran-Krieg-Kritik des Kanzlers an Präsident Trump gewertet wird.
Regierungssprecher Stefan Kornelius erklärte am Montag in Berlin, die Entwicklung eigener Marschflugkörper müsse „mit Nachdruck“ umgesetzt werden. Ziel sei es, keine Lücke in der konventionellen Abschreckung entstehen zu lassen. Damit verschiebt sich der Fokus der deutschen Verteidigungspolitik grundlegend: weg von der Abhängigkeit amerikanischer Waffensysteme, hin zu europäischer Souveränität bei Langstreckenwaffen.
Die gescheiterte Tomahawk-Stationierung: Chronologie eines Bruchs
Auf dem NATO-Gipfel 2024 in Washington hatte Präsident Biden Deutschland drei Waffensysteme zugesagt: Tomahawk-Marschflugkörper mit einer Reichweite von bis zu 2.500 Kilometern, Flugabwehrraketen vom Typ SM-6 sowie neu entwickelte Hyperschallwaffen. Die Stationierung sollte 2026 beginnen und eine Fähigkeitslücke schließen, die seit dem Auslaufen des INF-Vertrags 2019 besteht.
Doch unter Trumps zweiter Amtszeit änderte sich die Lage. Medienberichten zufolge strich das Pentagon im Zuge der Truppenreduzierung auch die geplante Stationierungseinheit zur Bedienung und Wartung der Raketensysteme. Der CDU-Verteidigungspolitiker Roderich Kiesewetter bezeichnete den möglichen Verzicht als „Riesenfehler“ – weitaus gravierender als den Soldatenabzug. Sicherheitsexperte Christian Mölling vom ZDF nannte es „die viel dramatischere Nachricht“, da die Systeme es ermöglicht hätten, Russland bereits im Aufmarsch zu stören.
Außenminister Johann Wadephul (CDU) betonte bei einem Besuch in Athen, er gehe nicht davon aus, dass es bei der konventionellen Abschreckung der NATO „irgendein Minus“ geben werde. Die Stationierung sei ohnehin nur temporär geplant gewesen. Deutschland müsse dies als Aufforderung begreifen, schneller eigene Fähigkeiten zu entwickeln. Vor dem Hintergrund der angespannten Beziehungen zwischen Washington und Berlin – Trump hatte Merz wegen dessen Iran-Kritik mehrfach scharf attackiert – erscheint ein Umdenken in der Sicherheitspolitik und Verteidigungsplanung unausweichlich.
Taurus Neo: Der Kern der deutschen Abschreckung
Das Rückgrat der deutschen Eigenentwicklung bildet der Taurus Neo. Im Dezember 2025 unterzeichnete Taurus Systems – ein Joint Venture von MBDA Deutschland und dem schwedischen Rüstungskonzern Saab – einen Vertrag mit dem Bundesamt für Ausrüstung (BAAINBw) zur Vorbereitung der Serienproduktion. Das Vorhaben umfasst nach Medienberichten bis zu 600 Exemplare bei einem geschätzten Investitionsvolumen von rund 2,1 Milliarden Euro.
Der Taurus Neo baut auf dem bewährten Taurus KEPD 350 auf, der seit Anfang der 2000er Jahre im Dienst der Bundeswehr steht. Die modernisierte Version soll über verbesserte Sensorik, robustere Navigation bei GPS-Störungen und leistungsfähigere Rechner verfügen. Die Reichweite von über 500 Kilometern soll gesteigert werden – unter anderem durch ein neues, effizienteres Triebwerk. Bislang nutzt der Taurus ein US-amerikanisches Mantelstromtriebwerk von Williams International. Um die Exportabhängigkeit zu reduzieren, wird laut Fachportal Hartpunkt ein Antrieb aus deutscher Produktion angestrebt, der Effizienzgewinne von rund 15 Prozent realisieren könnte.
Besonders relevant: Der Taurus Neo soll auf den Eurofighter Typhoon integriert werden, da der bisherige Träger – der Tornado-Jagdbomber – bis 2030 außer Dienst gestellt wird. Im Rahmen der europäischen Verteidigungskooperation soll das Beschaffungsprojekt über die Rüstungsagentur OCCAR in ein europäisches Rahmenkonzept überführt werden.
Reichweiten-Vergleich: Deep Strike Portfolio
Geplante Marschflugkörper der Bundeswehr – Reichweite in Kilometern
Deep Strike: Das gesamte Waffenportfolio im Überblick
Deutschland verfolgt nicht eine einzelne Lösung, sondern baut parallel mehrere Systeme auf. Die folgende Tabelle zeigt die zentralen Programme im Vergleich:
| System | Typ | Reichweite | Status | Einsatzbereit (geplant) |
|---|---|---|---|---|
| Taurus Neo | Luft-Boden-Marschflugkörper | 500+ km | Vertrag unterzeichnet | ~2030 |
| JASSM-ER | Luft-Boden-Marschflugkörper | ~1.000 km | Beschaffung mit F-35 | ~2030 |
| Tomahawk (Eigenbestand) | Land-/See-Marschflugkörper | ~2.500 km | Verhandlungen laufend | offen |
| 3SM Tyrfing | Überschall-Seezielflugkörper | 800–1.000 km | Entwicklungsphase | ~2035 |
| ELSA | Hyperschall-/Langstreckenflugkörper | 2.000+ km | Konzeptphase | 2030er |
Drei Gründe sprechen für diese Diversifizierung: Erstens sollen unterschiedliche Plattformen – Luft, See und Land – bedient werden. Zweitens verringert Systemvielfalt die Verwundbarkeit gegenüber gezielter Störung. Drittens reduziert die Nutzung europäischer Hersteller die strategische Abhängigkeit von den USA, wie die aktuelle Tomahawk-Krise deutlich zeigt.
Tyrfing und ELSA: Europas Antwort auf die Fähigkeitslücke
Der Überschall-Marschflugkörper 3SM Tyrfing entsteht als deutsch-norwegisches Gemeinschaftsprojekt unter industrieller Führung von Kongsberg Defence & Aerospace. Deutschland investiert rund 650 Millionen Euro in die Entwicklung bis 2033. Der Flugkörper soll Geschwindigkeiten von Mach 2 bis Mach 3 erreichen und sowohl See- als auch Landziele bekämpfen können. Die Einsatzbereitschaft ist für 2035 geplant – vorgesehen unter anderem für die Fregattenklassen F126 und F127 der Deutschen Marine.
Parallel dazu arbeiten Deutschland, Frankreich, Italien, Polen, Schweden und Großbritannien am European Long-Range Strike Approach (ELSA). Dieses Programm zielt auf die Entwicklung eines bodengestützten Marschflugkörpers mit einer Reichweite von über 2.000 Kilometern – eine europäische Alternative zum Tomahawk. Das deutsch-britische Trinity-House-Abkommen von Oktober 2024 bildet dafür eine Grundlage. Mitte Februar 2026 unterzeichneten die Verteidigungsminister der beteiligten Länder eine Absichtserklärung zur Formalisierung des Projekts.
„Die Entwicklung einer europäischen Kompetenz für tiefe und präzise Schläge ist eine Schlüsselfähigkeit für unsere Streitkräfte, heute und in der Zukunft.“
— MBDA, offizielle Stellungnahme
Die Herausforderung bleibt die Zeitlücke: Zwischen dem Ausbleiben der US-Tomahawks und der frühestmöglichen Verfügbarkeit europäischer Systeme vergehen mindestens vier bis fünf Jahre. Verteidigungsminister Boris Pistorius verhandelt deshalb offenbar mit Washington über die Lieferung von Typhon-Raketenwerfern, die Tomahawk-Marschflugkörper verschießen können – allerdings bliebe damit die Abhängigkeit von US-Munition bestehen.
Die geopolitische Dimension: Warum Reichweite entscheidet
Die russische Stationierung von Iskander-Raketen in der Exklave Kaliningrad stellt eine direkte Bedrohung für Europa dar. Iskander-Systeme erreichen Ziele in einer Entfernung von bis zu 500 Kilometern – damit liegt nahezu jede europäische Hauptstadt in Reichweite. Die NATO-Doktrin setzt dagegen auf konventionelle Abschreckung: Die Fähigkeit, gegnerische Kommandozentralen, Munitionsdepots und Luftkriegsmittel tief im Hinterland zu treffen, soll einen Angriff bereits im Vorfeld verhindern.
Der Ukraine-Krieg hat diese Logik bestätigt. Langstreckenwaffen wie der britisch-französische Storm Shadow oder die ukrainische Eigenentwicklung Flamingo haben gezeigt, dass Deep Precision Strike operativ entscheidend sein kann. Deutschland unterstützt die Ukraine seit Mai 2025 technisch und finanziell bei der Entwicklung eigener Langstreckenwaffen – eine Kooperation, die auch dem Erkenntnisgewinn für eigene Systeme dient.
Merz stellte trotz der Spannungen mit Washington klar: An der nuklearen Abschreckung der NATO ändere sich nichts. US-Atomwaffen, die zum Teil in Deutschland stationiert sind, blieben unangetastet. Die Debatte betrifft ausschließlich den konventionellen Bereich – der in der modernen Kriegsführung allerdings eine zentrale Rolle spielt.
Zeitstrahl: Europas Deep Strike Roadmap
Von der Fähigkeitslücke zur strategischen Autonomie
Industrielle Souveränität: MBDA, Diehl und die Triebwerksfrage
Die Frage der industriellen Unabhängigkeit durchzieht alle Rüstungsprojekte. Bei der F-35 und der JASSM-ER bleibt die Abhängigkeit vom US-Hersteller Lockheed Martin bestehen – inklusive der Debatte über einen möglichen „Kill Switch“, der ein Waffensystem bei Bedarf ferngesteuert deaktivieren könnte. Ein solcher Mechanismus wurde nie offiziell bestätigt, illustriert aber das strukturelle Problem.
Beim Taurus Neo steht die Triebwerksfrage im Mittelpunkt. Das aktuelle Williams-International-Triebwerk P8300-15 gilt als leistungsfähig, unterliegt aber US-Exportbestimmungen. Für den Neo wird ein deutsches Triebwerk mit vergleichbarer Leistung angestrebt. Der Rüstungskonzern MBDA plant zwischen 2025 und 2029 Investitionen von weiteren 2,4 Milliarden Euro in die Konzernweite Flugkörper-Produktion – mit klarem Fokus auf Kapazitätserweiterungen in Deutschland.
Beim Tyrfing arbeiten Kongsberg, Diehl und MBDA Deutschland zusammen. Auch hier wird bewusst auf europäische Wertschöpfungsketten gesetzt. Die norwegische Firma Nammo könnte das Staustrahltriebwerk liefern – eine Technologie, die auch in der Luft-Luft-Lenkwaffe Meteor zum Einsatz kommt.
FAQ
Was sind Marschflugkörper und warum braucht Deutschland sie?
Marschflugkörper sind selbstgesteuerte Flugkörper, die im Tiefflug ihr Ziel erreichen. Sie ermöglichen Präzisionsschläge auf gegnerische Infrastruktur über große Distanzen, ohne eigene Piloten zu gefährden. Deutschland benötigt sie zur konventionellen Abschreckung gegenüber Russland.
Warum liefern die USA keine Tomahawks mehr?
Bundeskanzler Merz erklärte, die USA verfügten selbst nicht über ausreichende Bestände. Der Verzicht steht zudem im Kontext der politischen Spannungen zwischen Trump und Merz sowie dem angekündigten Teilabzug von US-Soldaten aus Deutschland.
Wann wird der Taurus Neo einsatzbereit sein?
Die Serienproduktion wurde Ende 2025 vertraglich eingeleitet. Medienberichte gehen von einer Fertigstellung der ersten Exemplare in etwa fünf Jahren aus – also Anfang der 2030er-Jahre. Die Integration in den Eurofighter läuft parallel.
Was ist der Unterschied zwischen Taurus Neo und Tomahawk?
Der Taurus Neo ist ein luftgestützter Marschflugkörper mit über 500 Kilometern Reichweite, optimiert für die Bekämpfung verbunkerter Ziele. Der Tomahawk ist ein land- und seegestütztes System mit bis zu 2.500 Kilometern Reichweite, primär für strategische Tiefenschläge konzipiert.
Was ist ELSA?
ELSA (European Long-Range Strike Approach) ist ein europäisches Gemeinschaftsprojekt zur Entwicklung von Langstreckenwaffen mit über 2.000 Kilometern Reichweite – darunter Marschflugkörper und Hyperschallwaffen. Beteiligte Länder: Deutschland, Frankreich, Italien, Polen, Schweden und Großbritannien.
Wird Deutschland zur Raketenmacht?
Deutschland baut systematisch Fähigkeiten bei Langstreckenwaffen auf – mit Taurus Neo, JASSM-ER, Tyrfing und ELSA. Der Weg zur eigenständigen Deep-Strike-Fähigkeit ist allerdings langwierig. Kurzfristig bleibt die Abhängigkeit von US-Systemen bestehen.

