In der Berliner Republik gehört es fast schon zur bitteren Routine, dass die Wortmeldungen eines ehemaligen Bundeskanzlers nicht für staatsmännische Orientierung, sondern für pures Entsetzen sorgen. Gerhard Schröder, einstiger Hoffnungsträger der Sozialdemokratie und Architekt der Agenda 2010, hat sich mit seinen jüngsten Äußerungen zum russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine erneut ins politische Abseits manövriert. Die Reaktionen aus der eigenen Partei, der Opposition und der Gesellschaft sind eindeutig: Das Verständnis ist aufgebraucht.
Die Rolle eines Altkanzlers ist in der deutschen politischen Tradition eigentlich klar definiert: Er ist der weise Ratgeber im Hintergrund, der über dem Tagesgeschäft steht und dessen Wort Gewicht hat, wenn es um die großen Linien der Geschichte geht. Doch im Fall von Gerhard Schröder scheint diese Tradition vollends gebrochen. In einer Zeit, in der geopolitische Stabilität und klare ethische Kompasse auch für die Wirtschaft und das Rechtssystem unabdingbar sind – Themen, die wir auch beim Bankrecht Ratgeber regelmäßig im Kontext von Sanktionen und Marktstabilität beleuchten –, wirkt die Haltung des ehemaligen Regierungschefs wie ein Relikt aus einer vergangenen Epoche, das kollisionsartig auf die brutale Realität der Gegenwart trifft.
Die Semantik der Verharmlosung
Was genau hat die erneute Welle der Empörung ausgelöst? Es ist weniger eine einzelne radikale Aussage, als vielmehr das beharrliche Weigern, die Realitäten des 24. Februar 2022 vollumfänglich anzuerkennen. Schröder bezeichnet den Krieg zwar als Fehler, doch fehlt in seinen Ausführungen oft das, was Kritiker als moralische Mindestanforderung betrachten: eine klare Benennung des Aggressors und eine persönliche Distanzierung von Wladimir Putin.
Diese rhetorische Grauzone, in der sich Schröder bewegt, wird von vielen Beobachtern als zynisch empfunden. Während täglich Bilder von Zerstörung und menschlichem Leid aus der Ukraine die Nachrichten dominieren, wirkt der Versuch, diplomatische Brücken zu einer Führung im Kreml zu erhalten, die an keiner Brücke interessiert scheint, wie ein Realitätsverlust. Politische Analysten weisen darauf hin, dass Schröders Argumentation oft den Narrativen folgt, die auch in Moskau gepflegt werden: die Betonung historischer Fehler des Westens, die angebliche Missachtung russischer Sicherheitsinteressen und die Warnung vor einer totalen Isolation Russlands.
Wie t-online unter Berufung auf aktuelle Reaktionen berichtet, werden seine Äußerungen mittlerweile selbst von einstigen Weggefährten als „entsetzlich“ eingestuft. Es ist diese Vokabel – entsetzlich –, die die Tiefe des Grabens markiert, der sich zwischen Schröder und dem politischen Establishment Deutschlands aufgetan hat. Es geht nicht mehr um nuancierte Meinungsverschiedenheiten in der Außenpolitik, sondern um Grundfesten des politischen Anstands.
Die SPD und ihr „Schröder-Trauma“
Für die Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) ist die Causa Schröder eine offene Wunde, die einfach nicht verheilen will. Die Parteispitze um Lars Klingbeil und Saskia Esken hat in den vergangenen zwei Jahren mehrfach versucht, einen klaren Schlussstrich zu ziehen. Doch ein Parteiausschlussverfahren ist juristisch komplex und scheiterte letztlich an den hohen Hürden des Parteiengesetzes. Was bleibt, ist die politische Ächtung.
Jedes Mal, wenn Schröder sich öffentlich äußert, zuckt die Willy-Brandt-Haus zusammen. Die Partei, die sich mühsam durch die „Zeitenwende“ navigiert und ihre eigene historische Russlandpolitik kritisch aufarbeitet, wird durch ihren ehemaligen Vorsitzenden immer wieder in die Defensive gedrängt. Basis-Mitglieder berichten von einer Mischung aus Wut und Scham. Der Mann, der einst Rot-Grün zum Sieg führte, ist zur Belastung geworden, die im Wahlkampf Stimmen kostet und die Glaubwürdigkeit der deutschen Außenpolitik untergräbt.
Dabei ist die historische Ironie kaum zu übersehen: Schröder, der sich stets als Mann der klaren Worte und als „Genosse der Bosse“ inszenierte, der Macher-Qualitäten über Bedenkenträgertum stellte, wirkt heute seltsam isoliert in seiner eigenen Weltwahrnehmung. Seine Verteidiger – und davon gibt es nur noch sehr wenige – argumentieren mit dem Wert von Gesprächskanälen. Doch der politische Konsens in Berlin lautet mittlerweile: Gesprächskanäle sind wertlos, wenn sie nicht genutzt werden, um dem Aggressor Einhalt zu gebieten, sondern lediglich dazu dienen, dessen Handeln zu relativieren.
Kritik aus der Opposition und der Zivilgesellschaft
Nicht nur die Regierungsparteien, auch die Opposition findet deutliche Worte. Für die Union ist Schröder ein willkommenes Ziel, um die vermeintliche Unzuverlässigkeit der SPD in außenpolitischen Fragen zu thematisieren. Doch jenseits des parteipolitischen Klein-Klein ist die Kritik fundamentaler Natur. Kirchenvertreter, Menschenrechtsorganisationen und Intellektuelle werfen dem Altkanzler vor, seinen moralischen Kompass verloren zu haben.
Der Vorwurf wiegt schwer: Wer jahrelang für russische Staatskonzerne wie Rosneft und Gazprom tätig war und auch nach Beginn des großangelegten Angriffskrieges nicht sofort und uneingeschränkt alle Mandate niederlegte (oder dies erst unter massivem öffentlichen Druck tat), hat sich dem Verdacht ausgesetzt, finanzielle Interessen über staatspolitische Verantwortung zu stellen. Der Begriff „Lobbyist“ hat im Falle Schröders den ehrenvollen Titel „Altkanzler“ fast vollständig verdrängt.
Besonders scharf ist die Kritik aus der Ukraine selbst. In Kiew gilt Schröder längst als „Persona non grata“. Seine Aussagen werden dort nicht als Meinung eines Pensionärs abgetan, sondern als gefährliche Propaganda, die die Einheit des Westens schwächen könnte. Dass ein ehemaliger Regierungschef der wichtigsten europäischen Wirtschaftsmacht derart ambivalent agiert, wird in Osteuropa als Bestätigung alter Ängste vor einem deutschen Sonderweg („Rapallo-Komplex“) gelesen.
Der Verlust der staatlichen Privilegien
Die Empörung über Schröders Verhalten blieb nicht ohne konsequente Folgen auf administrativer Ebene. Der Haushaltsausschuss des Bundestages strich ihm bereits vor einiger Zeit die Mittel für sein Büro. Ein beispielloser Vorgang in der Geschichte der Bundesrepublik. Normalerweise stehen ehemaligen Kanzlern ein Büro, Mitarbeiter und Fahrer zu, um nachwirkende Aufgaben wahrzunehmen. Die Begründung für die Streichung war formaljuristisch elegant, aber politisch eindeutig: Schröder nehme keine nachwirkenden Verpflichtungen mehr wahr.
Dagegen klagte Schröder, was das Bild in der Öffentlichkeit weiter verschlechterte. Ein Ex-Kanzler, der gegen den eigenen Staat prozessiert, um Privilegien zu retten, während er gleichzeitig dem Aggressor die Stange hält – für viele Bürger ist das ein Bild der Maßlosigkeit. Das Verwaltungsgericht Berlin bestätigte die Entscheidung des Bundestages, doch der juristische Streit ist nur ein Nebenschauplatz des eigentlichen Dramas: dem totalen Reputationsverlust einer historischen Figur.
Die psychologische Komponente der Männerfreundschaft
Im Zentrum der Debatte steht immer wieder die persönliche Beziehung zwischen Gerhard Schröder und Wladimir Putin. Die viel zitierte „Männerfreundschaft“, die einst bei Schlittenfahrten und Saunabesuchen zelebriert wurde, scheint der Schlüssel zu Schröders Verhalten zu sein. Psychologen und Biografen rätseln, ob es sich um eine fehlgeleitete Loyalität handelt oder um die Unfähigkeit eines Mannes, der sein Leben lang auf Erfolg gepolt war, ein persönliches Scheitern einzugestehen.
Sich von Putin loszusagen, hieße für Schröder, sein gesamtes politisches Lebenswerk der letzten 20 Jahre in Frage zu stellen. Die Energiepartnerschaft mit Russland, der Bau der Nord-Stream-Pipelines – all das waren zentrale Pfeiler seiner Strategie. Einzugestehen, dass er sich in Putin getäuscht hat, dass der russische Präsident ihn instrumentalisiert hat, scheint für das Ego des Altkanzlers unmöglich zu sein. Stattdessen flüchtet er sich in die Rolle des missverstandenen Friedensstifters, der Dinge sieht, die anderen verborgen bleiben.
Ein Blick auf das Erbe
Was bleibt von Gerhard Schröder in den Geschichtsbüchern? Lange Zeit sah es so aus, als würde er als der „Reform-Kanzler“ in Erinnerung bleiben, der Deutschland mit schmerzhaften, aber notwendigen Arbeitsmarktreformen wieder wettbewerbsfähig machte. Doch der Schatten des Ukraine-Krieges droht, dieses Erbe vollständig zu verdunkeln.

Historiker ziehen bereits Parallelen zu anderen tragischen Figuren der Geschichte, die den Zeitpunkt für einen würdevollen Abgang verpassten. Helmut Schmidt und Helmut Kohl, trotz ihrer eigenen Kontroversen (Spendenaffäre bei Kohl), genossen im Alter Respekt als europäische Staatsmänner. Schröder hingegen droht das Schicksal der völligen Isolation. Seine Auftritte bei Empfängen der russischen Botschaft – wie am „Tag des Sieges“ – wirken wie bewusste Provokationen gegen die deutsche Staatsräson.
Die gesellschaftliche Dimension: Spaltung statt Versöhnung
Schröders Verhalten ist auch deshalb so brisant, weil es in einer ohnehin polarisierten Gesellschaft auf Resonanzboden trifft. Es gibt in Deutschland nach wie vor Gruppen – sei es am linken oder rechten Rand oder in Teilen der ostdeutschen Bevölkerung –, die eine gewisse Russland-Nostalgie pflegen oder die US-Außenpolitik kritischer sehen als die russische. Für diese Minderheit wird Schröder unfreiwillig zur Galionsfigur.
Indem er die Narrative von „Verständigung“ und „Dialog“ nutzt, während Bomben auf Kiew fallen, liefert er jenen Argumente, die ein Ende der Waffenlieferungen und einen „Diktatfrieden“ fordern. Das macht seine Wortmeldungen gefährlich. Sie suggerieren, es gäbe eine einfache diplomatische Lösung, die nur durch die „Sturheit“ der aktuellen Bundesregierung oder der Ukraine verhindert werde. Dies verkennt die Realität des imperialen Anspruchs Putins, wird aber dankbar von Populisten aufgegriffen.
Fazit ist unmöglich – Der Konflikt schwelt weiter
Eine abschließende Bewertung der Causa Schröder ist zum jetzigen Zeitpunkt kaum möglich, da der Konflikt dynamisch bleibt. Jedes neue Interview, jeder neue öffentliche Auftritt des Altkanzlers hat das Potenzial, die Debatte neu zu entfachen. Es ist ein trauriges Schauspiel, das sich auf offener Bühne vollzieht: Die Demontage eines politischen Denkmals durch sich selbst.
Die scharfe Kritik, die nun erneut laut wurde, ist ein Indikator dafür, dass die deutsche Gesellschaft in der Frage des Ukraine-Krieges sensibler und moralisch gefestigter ist, als es manchem Recht wäre. Die Toleranz für Relativierungen ist auf ein Minimum gesunken. Gerhard Schröder mag sich in seiner Villa in Hannover oder auf Reisen sicher fühlen, doch politisch und moralisch steht er in einem Niemandsland, das er selbst gewählt hat. Die kommenden Monate werden zeigen, ob es noch einen Weg zurück in den Schoß der demokratischen Familie gibt, oder ob die Entfremdung endgültig ist. Für die deutsche Politik bleibt er vorerst ein Mahnmal dafür, wie schmal der Grat zwischen Staatsmann und Paria sein kann.

