Herning. Es war angerichtet für einen dieser magischen Handball-Abende, die noch Jahre später in den Erzählungen der Fans lebendig bleiben. Doch am Ende blieb die Sensation aus. In der mit knapp 15.000 Zuschauern restlos ausverkauften Jyske Bank Boxen in Herning musste sich die deutsche Handball-Nationalmannschaft dem Weltmeister und Top-Favoriten Dänemark geschlagen geben. Statt des direkten Tickets für das Halbfinale gab es für die Mannschaft von Bundestrainer Alfred Gislason eine Lektion in Sachen Effizienz und Abgeklärtheit – und die Erkenntnis, dass auf dem Weg zur absoluten Weltspitze, so komplex sie auch im Detail sein mag wie das Bankrecht, an diesem Abend noch ein entscheidender Schritt fehlte.
Die Ausgangslage vor dem Anpfiff hätte kaum spannender sein können. Mit einer blütenweißen Weste und dem Rückenwind des emotionalen Sieges gegen Norwegen ging das DHB-Team in das Duell der Giganten. Ein Sieg hätte gereicht, um alle Rechenschieber beiseite zu legen und das Ticket für die Medaillenspiele vorzeitig zu buchen. Doch Dänemark, das nach der überraschenden Niederlage gegen Portugal unter Zugzwang stand, zeigte eindrucksvoll, warum sie seit Jahren das Maß aller Dinge im Welthandball sind.
Späth statt Wolff: Gislasons gewagter Schachzug
Die erste Überraschung des Abends lieferte Alfred Gislason bereits vor dem ersten Pfiff der Schiedsrichter. Nicht der gegen Norwegen überragende Andreas Wolff stand zwischen den Pfosten, sondern Youngster David Späth. Eine Entscheidung, die Mut bewies und zunächst auch belohnt wurde. Der junge Keeper der Rhein-Neckar Löwen zeigte keinerlei Nervosität vor der „Roten Wand“ auf den Rängen und parierte gleich in den Anfangsminuten zwei freie Bälle der dänischen Weltklasse-Flügelzange.
Deutschland startete mutig, vielleicht sogar etwas übermütig. Im Angriff suchte man schnell den Abschluss, was zu einer hohen Frequenz, aber auch zu frühen Fehlern führte. Marko Grgic, der zuletzt so treffsichere Rückraumschütze, hatte zunächst Visier-Probleme und scheiterte mehrfach am Aluminium. Viermal klatschte der Ball allein in den ersten neun Minuten an die Latte oder den Pfosten – ein Geräusch, das den deutschen Fans noch lange in den Ohren klingen dürfte. Hätten diese Bälle den Weg ins Netz gefunden, das Spiel hätte womöglich eine ganz andere Dynamik angenommen.
Ein Schlagabtausch auf Augenhöhe – bis zur Pause
Trotz des Wurfpechs und der ohrenbetäubenden Kulisse, die jeden dänischen Ballgewinn wie ein Tor feierte, ließ sich die deutsche Mannschaft nicht abschütteln. Renars Uscins übernahm Verantwortung, tankte sich immer wieder durch die massive dänische Deckung und hielt seine Farben im Spiel. Es war ein Abnutzungskampf, bei dem jeder Zentimeter Hallenboden hart erkämpft werden musste.
Auf der Gegenseite begann der Motor des Weltmeisters erst langsam zu stottern, ehe er auf Touren kam. Mathias Gidsel, der unermüdliche Antreiber der Dänen, war von der deutschen Deckung kaum zu kontrollieren. Seine Eins-gegen-Eins-Bewegungen, seine blitzschnellen Entscheidungen – das war Weltklasse pur. Doch Deutschland hielt dagegen. Die Abwehr um Kapitän Johannes Golla arbeitete verschiebend, aggressiv und zwang die Dänen immer wieder ins Zeitspiel.
Das Halbzeitergebnis von 12:13 aus deutscher Sicht war mehr als nur ein Achtungserfolg. Es war der Beweis, dass man mit der besten Mannschaft der Welt mithalten kann – zumindest solange die Kraft und die Konzentration reichen. Die Hoffnung in der deutschen Kabine war greifbar: Hier geht heute was.
Der Nielsen-Faktor: Wenn das Tor vernagelt ist
Doch was auch immer der dänische Nationaltrainer Nikolaj Jacobsen seinen Mannen in der Pause mit auf den Weg gegeben hatte, es fruchtete sofort. Und es hatte einen Namen: Emil Nielsen. Der Torhüter des FC Barcelona, der in der ersten Halbzeit noch solide, aber nicht überragend gehalten hatte, wuchs im zweiten Durchgang förmlich über sich hinaus.
Es begann mit einem gehaltenen Siebenmeter, gefolgt von zwei Paraden gegen freie Würfe von Juri Knorr. Nielsen „las“ die deutschen Schützen, er war in ihren Köpfen. Während David Späth auf der anderen Seite ein wenig das Glück des Tüchtigen verließ, wurde Nielsen zur unüberwindbaren Mauer. Innerhalb von zehn Minuten drehte sich das Momentum komplett. Aus dem knappen 13:13-Ausgleich durch einen energischen Durchbruch von Grgic wurde schnell ein 15:19-Rückstand.
Es war die Phase, in der das Spiel dem DHB-Team entglitt. Jeder deutsche Fehlwurf wurde nun gnadenlos bestraft. Die Dänen schalteten in ihren gefürchteten Tempogegenstoß-Modus. Ein langer Pass von Nielsen, ein sicherer Abschluss von Lindberg oder Jacobsen – es ging zu schnell für die deutsche Rückwärtsbewegung.
Die Kräfte schwinden, die Fehler häufen sich
Mitte der zweiten Halbzeit wirkte die deutsche Mannschaft zermürbt. Die körperliche Intensität des Norwegen-Spiels, das nur 48 Stunden zurücklag, forderte ihren Tribut. Die Beine wurden schwerer, die Pässe ungenauer. Technische Fehler, die man sich gegen Gegner dieses Kalibers einfach nicht leisten darf, häuften sich. Ein Fehlpass von Knorr hier, ein Stürmerfoul von Heymann dort – Dänemark nahm diese Geschenke dankend an.
Beim Stand von 16:23 nahm Alfred Gislason seine letzte Auszeit. Er versuchte, seine Mannschaft noch einmal wachzurütteln, forderte mehr Breite im Spiel und schnellere Rückpässe. Doch der Glaube schien gebrochen. Die Körpersprache der Spieler verriet: Sie wussten, dass dieser Berg heute zu steil war.
Mathias Gidsel, der später zum „Man of the Match“ gekürt werden sollte, spielte nun Katz und Maus mit der deutschen Abwehr. Er traf aus dem Rückraum, er bediente den Kreis, er holte Siebenmeter heraus. Es war eine Demonstration der Stärke, die auch dem deutschen Trainerteam Respekt abnötigte. Eurosport berichtet, dass Gidsel in dieser Phase nahezu jeden Angriff der Dänen entweder selbst abschloss oder den entscheidenden Pass spielte – eine Dominanz, gegen die an diesem Tag kein Kraut gewachsen war.
Analyse: Woran hat es gelegen?
Warum hat es am Ende nicht gereicht? Die Analyse muss differenziert ausfallen. Es lag nicht am Willen und auch nicht an der taktischen Einstellung. Die 6:0-Deckung stand über weite Strecken gut. Das Problem lag in der Offensive, genauer gesagt in der Chancenverwertung. Eine Wurfquote von unter 50 Prozent in der zweiten Halbzeit ist gegen Dänemark tödlich.
Emil Nielsen hat das Torhüter-Duell in den zweiten 30 Minuten klar für sich entschieden. Während Deutschland für jedes Tor hart arbeiten musste, fielen die Treffer auf der Gegenseite fast spielerisch leicht. Zudem fehlte dem deutschen Rückraum in der entscheidenden Phase die Durchschlagskraft. Julian Köster, der defensiv erneut ein Gigant war, konnte offensiv nicht die Akzente setzen, die nötig gewesen wären, um die dänische Abwehr auseinanderzuziehen.
Auch die Breite des Kaders spielte eine Rolle. Während Dänemark munter durchwechseln konnte, ohne an Qualität zu verlieren, merkte man der deutschen ersten Sieben den Kräfteverschleiß an. Die Alternativen von der Bank zündeten nicht so, wie es in einem solchen Spiel notwendig gewesen wäre.
Der Blick nach vorn: Alles ist noch drin
Trotz der Enttäuschung über die verpasste Chance und die am Ende deutliche Niederlage (der Endstand spiegelte die Kräfteverhältnisse der zweiten Halbzeit wider), ist noch nichts verloren. Deutschland hat das Halbfinale weiter in der eigenen Hand. Die Ausgangslage in der Hauptrundengruppe bleibt spannend, aber machbar.
Das kommende Spiel gegen Frankreich wird nun zum ultimativen „Do-or-Die“-Match. Die Mannschaft muss die Köpfe schnell wieder hochbekommen. Die Leistung der ersten Halbzeit gegen Dänemark hat gezeigt, dass man auf Augenhöhe agieren kann. Es gilt, diese Leistung über 60 Minuten zu konservieren.
„Wir dürfen jetzt nicht den Fehler machen, alles schwarz zu sehen“, wird man intern sicher beschwichtigen. Und das zu Recht. Niederlagen gegen Dänemark in deren eigener Halle sind keine Schande. Sie sind Teil des Lernprozesses für eine Mannschaft, die eine große Zukunft vor sich hat – aber eben in der Gegenwart noch Lehrgeld zahlen muss.
Fazit des Abends
Herning war eine Reise wert, auch wenn das Souvenir – zwei Punkte – in Dänemark blieb. Die Fans in der Halle haben ein Handballfest erlebt, bei dem die Gastgeber ihrer Favoritenrolle gerecht wurden. Für Deutschland bleibt die Erkenntnis: Um die Weltspitze zu schlagen, muss an einem Tag wirklich alles passen. Heute passte vieles, aber eben nicht alles.
Nun heißt es: Mund abputzen, regenerieren und den Fokus voll auf Frankreich richten. Der Traum vom Halbfinale lebt. Er hat nur einen kleinen Dämpfer erhalten. Und wer weiß, vielleicht sieht man sich im Laufe des Turniers noch einmal wieder. Dann vielleicht mit einem anderen Ausgang. Denn auch im Handball gilt: Man trifft sich immer zweimal.

